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Die Lesung

Von Poetin2 Donnerstag 01.11.2018, 14:08

Die Lesung

Tilla zieht den warmen Mantel über.
Es ist kalt draußen und sie hat keine Lust zu frieren. Wer weiß, wieviele Leute zur anstehenden Lesung kommen. Auf jeden Fall ist sie gut gerüstet mit ihrem fliederfarbenen Strickkleid, welches wärmt und trotzdem unterm Mantel nicht aufträgt.

Tilla kennt die Autorin nicht und eigentlich ist diese moderne Lyrik überhaupt nicht ihr Fall. Vielmehr ist es ein Grund, wieder mal einige Bekannte zu treffen und den Abend nicht allein zu verbringen.

Am Eingang schlägt ihr angenehme Wärme entgegen. Rasch lässt sie den Blick durch den Raum schweifen. Dort hinten, der Garderobenständer hängt schon halb voll. Sie steuert ihn an und hält dabei Ausschau nach einem freien Platz. Als sie sich durch die Reihen schlängelt, hört sie Tuscheln und einige, der wenigen Herren starren sie unverblümt an.

Nanu, sieht sie aus wie eine Außerirdische? Verunsichert schaut sie an sich herab.
Ach was, die Alten sind einfach nicht mehr gewohnt, was ungewöhnlich chickes zu erblicken.
Tilla ist eine schöne Frau, auch wenn sie schon in reiferem Alter ist. Die Erscheinung wirkt sehr jugendlich durch den roten Wuschelkopf, deren Haare sich nur schwer bändigen lassen. Das Gesicht ist freundlich mit kleinen Lachfältchen durchzogen, doch die Augen bekommen einen melancholischen Tutch, wenn sie ernst schaut. Etwas Verträumtes, beinahe etwas Abwesendes liegt dann im Blick. Und mit diesem Blick hat sie schon manchen Mann verzaubert.

In der zweiten Reihe ist noch ein Stuhl frei. “Entschuldigung, darf ich hier Platz nehmen?” Die Dame rechts blickt unentschlossen, der Herr links neben ihr erhebt sich galant, indem er den Stuhl zurecht rückt “ Aber gern, meine Dame,”
“ Ich glaube, der Platz ist reserviert, tönt es daraufhin von rechts. “Ja,aber es liegt doch keine Reservierung da,” antwortet Tilla ein wenig gereizt und setzt sich hin, ohne den strafenden Blick der Dame zu beachten.

Noch zehn Minuten. In den hinteren Reihen bekommt jemand einen Hustenanfall, der nicht mehr aufzuhören scheint.
“Wie kann man nur mit so einer Erkältung in eine Lesung gehen….tuschelt es hinter Tilla.
In der ersten Reihe haben sich Honorationen breit gemacht. Der Herr im grauen Zwirn, an dessen Seite eine blondierte, aufgetakelte Dame sitzt, scheint der Bürgermeister zu sein. Die Dame rechts, in grasgrün, ist offensichtlich eine Journalistin des Tagblattes mit Schreibblock und Kamera ausgerüstet. Sie unterhält sich ausgiebig mit dem Stadtoberhaupt und verfällt zeitweilig in ein unangenehmes Gelächter, das Tilla die Nackenhaare sträuben lässt. Die Blonde registriert das mit süßsaurer Miene und schüttelt nur hin und wieder den Kopf.

Es wird ruhig. Die Autorin ist eingetreten.
Gespannt schauen 20 Augenpaare auf die extrem schlanke Person, die eingehüllt in einen hellblauen Shari, der ihre wasserblauen Augen noch wässriger erscheinen lassen, auf dem Stuhl vor einem kleinen Holztisch, Platz nimmt.

Zunächst geschieht nichts. Alles wartet auf die ersten Worte, doch nichts geschieht. Ruhig, mit geschlossenen Augen sitzt das Wesen vor seinem Puplikum. Musik erklingt.
Tilla glaubt sich in der falschen Veranstaltung. Ist dies hier eine Meditation?
Hinten beginnt wieder ein Hustenanfall. Nach einigen Minuten hüstelt auch ihr Nachbar. Es wird unruhig.
Wann beginnt denn nun die Lesung? Alles starrt gebannt auf die Dame, deren Texte den heutigen Abend bereichern sollen.

Plötzlich steht sie auf.

Ohne Einführung deklariert die Autorin ihr erstes Gedicht gestenreich und stimmlich sehr laut. Eigentlich passt diese Stimme garnicht zu der zierlichen Person. Tilla ärgert sich, dass sie so weit vorn sitzt.
“Entschuldigen Sie, verstehen Sie das Gedicht?” Der Herr neben ihr flüstert es Tilla leise ins Ohr. “Es ist so tiefsinnig, dass es schon wieder unsinnig ist.”
Sie muss lächeln. Er versteht also doch was davon.

Der Hustenanfall von hinten beginnt wieder. Unwirsch blicken einige in dessen Richtung. Die Poetin, deren Texte einfach nicht poetisch sind, versucht ihn zu übertönen.
Im Hintergrund Gläserklappern. Für die Pause ist Sekt angesagt und der wird nun vorbereitet. Tilla schaut nach rechts zu der Dame, die sie partout nicht an ihrer Seite haben wollte. Sie hat die Augen geschlossen. Hört sie jetzt andächtig zu oder schläft sie? Bei dieser lauten Stimme kann man garnicht schlafen. Als hätte sie den Blick gespürt, öffnet die Nachbarin die Augen und schaut sie an. “Schrecklich!” ist das einzige Wort, das sie herausbringt. Dabei lächelt sie Tilla entschuldigend an.
Nach einer halben Stunde wären sicher die meisten gegangen, aber der Sekt lockt und den will man sich nicht entgehen lassen .

Endlich Pause. Gläser werden gereicht und Knabberzeug.Die Autorin legt ihre Bücher dekorativ auf das vor ihr stehende Tischchen und wartet auf Käufer. Niemand kauft ein Buch.
Eine junge Frau nimmt die Gelegenheit wahr, um mit der Autorin über ihre Texte zu sprechen und lobt sie überschwenglich. Aber auch sie kauft keines der Bücher.

Tilla sucht bekannte Gesichter, aber es zeigen sich nur Unbekannte. Der Sitznachbar kommt mit zwei Gläsern auf sie zu. Darf ich Ihnen ein Glas anbieten? Tilla ist gerührt über den Kavalier in der viel zu engen Jacke und den scharf gebügelten Hosen. Der rote Schlips ist wohl auch von anno dazumal.
Aber sie nimmt dankbar das Glas an und lächelt. “Wie gefällt Ihnen denn die Lesung?” “Ach Gott, diese modernen Gedichte, man versteht sie nicht.” Dabei lacht er verlegen und Tilla findet ihn in diesem Moment richtig sympatisch.
“Und dann diese Stimme..., Wissen Sie was, wenn Sie Lust haben, gehen wir woanders hin und unterhalten uns ein bisschen. “

Tilla überlegt nicht lange. “Sie haben recht, wir gehen.”

Als die Pause endet, ist nur noch der halbe Saal besetzt. Der Bürgermeister muss wohl oder übel bleiben und die Jouralistin ebenso. Wie mag wohl der Artikel in der Tageszeitung ausfallen?

GK


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