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Der Kleine Drachen Paff

Von oscarlo Samstag 02.12.2023, 07:21

Zum Weihnachtsfest 2015 bekam ich von einem Kollegen einen tschugularischen Zwergdrachen geschenkt. Er hatte ihn wohl übrig und ich musste mich sichtbar darüber freuen. Der Drache war zum Glück nur groß wie eine Zigarettenschachtel und eher gemütlich, nur in letzter Zeit benahm er sich sonderbar, aber dazu später.
Da ich tagsüber mein Geld mit meinem selbständigen Fischverleih verdiente, war ich froh, dass er zumeist nachtaktiv war. Ich nahm ein Peltierelement und stellte kurz dahinter einen Spiegel auf. Wenn ich zu Bett ging, setzte ich den kleinen Drachen in einen Spezialkäfig vor den Spiegel. Dann vermutete er nämlich in seinem eigenen Bild einen Gegner und spuckte Feuer bis zum Morgengrauen. Dadurch erzeugte das Tierchen genug Strom um mein Smartphone wieder aufzuladen ohne den Haushaltsstrom nutzen zu müssen.
Früh stand ich auf, lobte ihn für seine Anstrengung und er bekam eine Dose Fisch als Leckerli. Ich setzte ihn aufs Fensterbrett, wo er augenblicklich einpennte. So musste ich mir tagsüber keine Sorgen machen und konnte Fische verleihen. Wenn der Dezember Einzug hielt, waren alle Fische in warme Hotelanlagen in Gabun und Morokulien umgesetzt worden und es begann mein Jahresurlaub.
In der Weihnachtszeit durfte Paff, so nannte ich meinen kleinen Drachen, die Kerzen der Pyramide anzünden. In seinem Eifer verbrannte er auch schon mal einen geschnitzten Heuschober oder ein Reh auf dieser. Solche Dinge machten ihm besondere Freude, was ich am Peitschen seines Kleinschwanzes bemerken konnte. Ich wollte ihn erziehen und hielt bei solchen Gelegenheiten eine Tasse kaltes Wasser bereit, welche ich dann über seinen kleinen Körper ausgoss. Er schaute dann kurz in meine Richtung und ich sah ein verschmitztes Grinsen über sein furchiges Gesicht huschen. Es war jedes Jahr das gleiche Spiel. Die Pyramide musste deshalb jedes Jahr ausgetauscht werden. Zum Glück waren diese nach Weihnachten billig bei ebay zu haben.
Gern schlenderte ich mit ihm, ich hielt ihn in unter einer Mütze versteckt, über den örtlichen Weihnachtsmarkt. Dabei hatten wir beide unseren besonderen Spaß. Wenn das Gedränge zu groß wurde, drückte ich kurz seinen Schwanz und lupfte die Mütze. Sofort spuckte er erwartungsgemäß eine ca. 30 cm große Flamme nach vorn. Eine vor uns gehenden Dame spürte einen heißen Hauch, der sie erschreckte. Mit einem kleinen Schrei sprang sie nach rechts davon. Ich stülpte schnell die Mütze über Paff und ging mit einem angedeuteten "Danke" weiter. Die Frau ließ ich irritiert zurück. Am Bratwurstgrill holte ich mir üblicherweise eine Wurst. Heimlich drehte ich mich um und ließ Paff diese mit seiner heißen Flamme verbrennen. Nach nur fünf Sekunden war sie einseitig verkohlt. Ich reklamierte die nun schwarze Wurst bei der Verkäuferin, die völlig verdattert sich immer wieder entschuldigte und mir eine, nein zwei neue gab, die ich nicht bezahlen musste. Eine Bratwurst ließ ich mir schmecken, während ich die andere meinem kleinen Freund gab. In kleinen gierigen Happen verspeiste er diese. Amüsiert konnte ich dabei sein breites Grinsen sehen. Dann gingen wir heim. Dabei kamen wir an der Wohnung einer alten Freundin vorbei. Sie beschäftigte sich mit esoterischen Heilmethoden und ich hoffte, dass sie auch Paffs Problem lösen könnte, denn seit einem Monat knabberte er an seinen Schuppen herum. Das sah nicht nur hässlich aus, sondern unter seinen Schuppen befanden sich auch die Schwefeldrüsen für das
Feuerspucken und diese stanken gotterbärmlich. Sie begrüßte mich überschwänglich und versprach mir sich Paff anzusehen. Ich solle nur einen Moment noch warten, denn sie müsste nur grad einen Microbello (?) kastrieren. Ich nickte geduldig und schließlich kam sie nach kurzer Zeit zurück mit den Worten: „Hier trink derweil einen frisch gebrühten Rindentee, der ist gut gegen deine Verspannungen im Knie." Sie drückte mir ein Glas in die Hand und war schon wieder verschwunden. Ich roch skeptisch daran. Es sah ziemlich gelblich aus und wenn ich ehrlich, bin, es roch ziemlich nach Urin. Ich schüttete Paff eine Probe auf einen kleinen Teller. Er schleckte es mit einem unglaublich verkniffenen Gesichtsausdruck angewidert auf. Ich trank zaghaft zwei Schlucke. liiigittt! Es schmeckte tatsächlich nach Pisse! Schnell rührte ich vier Stück Zucker ins Glas und drängte dieses widerliche Zeug in meinen Körper. Kaum war ich fertig, kam meine Freundin wieder herein mit den Worten: "Hier ist dein Rindentee, frisch gebrüht." Sie sah sich suchend um: „Sag, hast du das Glas mit der Hundeurinprobe gesehen?" Ich schrie: „Nein, aber der Baumrindentee, den ich trank, der schmeckte tatsächlich nach Hundepisse! Ich geh!" Sofort schnappte ich mir Paff und wir verließen schnell die Wohnung. Von dem Tag an hat sich Paff jedoch nie mehr an seinen Schuppen vergriffen. Das ist wahrlich erstaunlich aber schön.
(G.P. /Archiv)

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