Verzweiflung
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Feierabend-Mitglied
Mittwoch 16.09.2020, 10:26
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Der Anruf kommt um 10.50 Uhr. "Setz Dich sofort ins Auto und komm hier her." "Was ist los?" frage ich. Keine Antwort, aufgelegt. Mit zitternden Händen wähle ich seine Nummer. Es klingelte mindestens sechs mal, dann hebt er ab. "Frag nicht, steig ins Auto und komm, ich krieche nur noch auf allen Vieren."
Es würde zwei Stunden dauern, bis ich mich angezogen und mit dem Auto die Strecke überwunden hätte. Wie heißt denn bloß die Ärztin, bei der er in Behandlung war? Ich musste googlen. Sprechstunde bis 11 Uhr, ich schaffe den Anruf um 10.57 Uhr. "Sie müssen mir helfen, da ist bestimmt etwas Schreckliches passiert. Der Mann kriecht nur noch auf allen Vieren, kommt also vermutlich gar nicht aus dem 1. Stock nach unten." Die Ärztin reagiert sofort und rast mit Krankenwagen und Feuerwehr los.
Als ich zwei Stunden später vor der Haustür stehe, empfängt mich eine Notiz: "Herr B. befindet sich im Krankenhaus in Idar-Oberstein, Verdacht auf Schlaganfall. " Ich bin erleichtert. In dieser Klinik befindet sich eine "stroke unit", der Patient ist auf jeden Fall gut aufgehoben. Schnell ein paar Sachen gepackt, das Waschzeug und den Bademantel dazu und dann nichts wie hinterher.
Auf der Station empfängt mich der Chefarzt und geleitet mich sofort in sein Zimmer: "Der Hubschrauber ist schon bestellt, wir müssen den Kranken noch etwas stabilisieren. Er fliegt ins Saarland in eine Spezialklinik, die Aorta ist mehrfach gerissen. Morgen wäre alles zu spät." Ich weiß nicht, ob ich noch Gefühle oder Gedanken habe, ich will ihn nur sehen. Die Rotoren des Hubschraubers brummen, die fahrbare Trage wird an mir vorbeigeschoben. "Hallo mein Schatz, ich komme hinterher."
Um 17 Uhr stehe ich vor der Intensivstation. "Sie müssen sich gedulden, er ist seit einer Stunde im OP und vor 22 Uhr erwarten wir kein Ergebnis. Fahren Sie nach Haus, rufen Sie uns an, jederzeit. Besuche sind erst ab morgen Nachmittag möglich." Prognosen gab es keine. Die Aorta musste ersetzt werden mitsamt dem Bogen zum Herzen. Eine ähnliche Situation hatte ich ein paar Jahre vorher schon einmal erlebt, ich wusste daher, es hilft nur Warten und Hoffen.
Am fünften Tag wacht er aus der Narkose auf. Atemgerät, Schläuche, Leitungen, dazu der gelähmte Arm. Er kann sich an nichts erinnern. Die OP ist gelungen, besser als erwartet, die Genesung soll folgen. Fünf Wochen behält man ihn unter ärztlicher Aufsicht, danach sollen REHA-Maßnahmen weiterhelfen. Alles, was Fortschritte macht, ist lediglich sein Arm. Jeder Schritt strengt den Kranken an und er muss den Rollator benutzen.
Endlich die Entlassung aus dem Krankenhaus. Der Koffer ist gepackt, die Chefvisite hält sich extrem lange am Bett auf. "Bitte kommen Sie noch einmal in mein Zimmer, wir müssen noch etwas besprechen." Und dann schlägt es wie ein Eisenhammer von oben auf uns nieder. Lungenkrebs, in diesem Gesundheitszustand nicht behandelbar. Später vielleicht, das muss besprochen werden. In meinem Kopf sausen Bienenschwärme. Der Patient erfasst nur die Worte "behandelbar, aber nicht in diese Zustand". Wir können nicht sprechen, fassen uns nur an der Hand. Auf Wiedersehen.
Zwei Tage Aufenthalt im eigenen Haus, dann REHA
Der Mann ist entsetzlich schlapp, würde am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen, entwickelt aber mit seinem Willen eine ungeheure Energie. Es muss doch werden, er muss doch irgendwann wieder auf die Beine kommen. Husten plagt in Tag und Nacht, er findet keine Ruhe. Die Therapie, die helfen soll, schwächt immer mehr. Den Rollator soll er stehen lassen, er versucht es. Er weiß, wo an den langen Klinikgängen die Sitzplätze angeordnet sind und so bewegt er sich von einem Sessel zum nächsten. Irgendwann geht es ohne Rollator gar nicht mehr.
Wenn bloß der Husten nicht wäre. Er spuckt ständig weißen Schaum. Der Arzt scheint hilflos. Das Medikament, das wirken soll, wirkt nicht.
Nach drei Wochen ist die Plage REHA endlich zu Ende. Termine zur Kontrolle sind bereits in der Mainzer Uni-Klinik vereinbart. CT, MRT, Synthigram. Heinrich B. ist viel zu schwach, am Rollator die langen Gänge zu bewältigen. So setzt er sich auf den Sitz des Rollators und ich schiebe. Eine fantastische Lösung, die allerdings die Blicke Neugieriger auf sich zieht. Aber egal, wir kommen so am besten vorwärts.
Schlaflose Nächte haben auch mich gebrechlich gemacht. Ich schlafe in den Wartezimmern im Sitzen ein. Nach einer Woche das Ergebnis "nicht mehr behandelbar". Er bleibt in meiner Wohnung, eine andere Lösung gibt es nicht. Eine neue Hausärztin am Ort kümmert sich verständnisvoll um ihn. Ihr Vorschlag: Unterstützung durch ein Paliativ-Team. Sie erledigt die Formalitäten. Das Palliativ-Team ist überlastet, kann erst in einer Woche kommen. Der Zustand verschlechtert sich in den nächsten Tagen so extrem, dass ich nochmal anrufe und um Hilfe bettele. Sie kommen sofort. Endlich Morphium und endlich Ende der Hustenattacken. Trotzdem gibt es wenig Schlaf. Der Kranke bekommt wenig Luft und braucht auch nachts seelische Unterstützung. An Schlaf ist kaum zu denken. Er weckt mich: "Ich brauche Dich." Wir sitzen Hand in Hand auf dem Bettrand - meistens wortlos. Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Tagsüber ist gelegentlich eine Unterhaltung möglich, nachts läuft alles eingespielt. Tabletten bereitstellen, Tee kochen, Taschentücherpakete öffnen - die gelähmte Hand hat noch Probleme, viel Umarmungen und gewünschte Zuwendung, wenig Schlaf. Wenn ich doch bloß nicht so müde wäre. Kann ich ihm geben, was er braucht?
Er hat Heimweh nach seinem Haus. Ich auch. Aber wir können nicht dort hin. Es gibt keine geeigneten Ärzte, kein Palliativ-Team. Sein Bett steht im 1. Stock, er käme die Treppe nicht mehr nach oben. Außerdem kann er nicht mehr im Bett liegen, er bekommt dort keine Luft. Eine Couch gibt es nicht. Wir sprechen darüber, ich würde alles tun, um ihn nach Hause zu bringen. Er lehnt ab.
Inzwischen bekommt er starke Morphium-Pflaster, er kann kaum noch schlucken. Hunger hat er schon seit langem nicht mehr. Die Ernährung besteht aus Fleischbrühe und Tomatensaft.
Fünf gemeinsame Wochen haben wir nach der Entlassung aus der REHA. Es ist ein Sonntag, als sein Atem immer wieder für längere Zeit aussetzt. Ein Zustand, der für ihn unerträglich wird. Auf sein Verlangen kommt jemand vom Palliativ-Team und spritzt noch zusätzlich etwas Morphium. Endlich kann der Kranke wieder etwas schlafen. Gegen Abend fängt sein Atem an zu rasseln. Ich rufe noch einmal den Betreuer an und er erklärt mir das finale Rasseln. Es gibt nicht mehr viel zu tun. Ich rufe die Kinder an. Die Tochter kommt, ihr Freund ebenso, der Sohn kündigt sein Kommen für den nächsten Morgen an. Kurz vor 23 Uhr wird der Sterbende wach, nimmt uns alle wahr, kann aber nicht mehr sprechen. Nach ein paar Minuten schließt er die Augen und atmet das letzte Mal. Wir lassen ihn ruhen bis zum nächsten Tag. Nach dem Arzt kommt der Bestatter. Ich bleibe allein zurück.