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Unerwartete Begegnung

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 04.01.2023, 17:19

Gestern um die Mittagszeit ging ich auf den nahe gelegenen Friedhof, die Sonne schien und es war erstaunlich warm. Ich wollte dort niemanden besuchen, bin aber gern an diesen Ort, weil ich dort zur Ruhe komme, Natur um mich habe, Stille und Zeit zum Nachdenken. Überall sind Bänke und ich kann mich setzen und ausruhen. Die Vögel gaben ein herrliches Konzert und so konnte ich mich innerlich reinigen von den gewalttätigen Ereignissen in Berlin in der Silvesternacht.

Es mag so eine halbe Stunde vergangen sein, da sah ich eine alte Frau, mühsam mit einem Rollator, sehr gebeugt den Hauptgang entlanggehen, in der Nähe an einem noch recht frischem Grab blieb sie stehen, setzte sich auf den Rollator, sie begann, zu sprechen und trocknete sich immer wieder die Tränen ab. Ganz langsam ging ich näher und blieb stehen. Sie muss mich bemerkt haben, denn sie drehte sich zu mir, blickte mich an mit einem so trostlosem traurigen Blick, dass es mich tief berührte. “Besuchen sie hier ihren Mann?” fragte ich vorsichtig. Sie brach in Schluchzen aus, ich ging zu ihr und legte behutsam meine Hand auf ihre Schulter. Nachdem sie ruhiger wurde fragte ich sie: "Wollen wir uns dort auf die Bank setzen und sie erzählen mir von ihm"? Sie lächelte, dann saßen wir nebeneinander und wir schwiegen erst einmal eine Weile.

“Darf ich ihre Hand halten?” fragte sie, ich nannte meinen Namen und sie sagte: "ick bin Gertrud". So legte ich meine beiden Hände um ihre und sie begann, zu erzählen. Ich achtete darauf, sie anzusehen. “Mein Mann is am 3. Dezember jestorben, er war sehr krank, hatte Krebs und soville Schmerzen, det war schlimm, aber er wollte mich in so ein Sterbehaus. Nun hat er Frieden, aber ick bin janz alleene. Wir hatten keene Kinder und waren 64 Jahre vaheiratet. Ick gehe jeden Tach hierher und ick rede mit Hermann, weil ick ja sonst niemanden zum Reden mehr habe. Man wird ja janz blöd, wenn man nicht mehr spricht. Mein Mann war taub, aber er war da und ick konnte ihn berühren.” Gertrud erzählte von Hermann und Anekdoten aus ihrer langen Ehe, sie wurde fast munter und manchmal mussten wir lachen und das alles in dem mir so bekannten Berliner Dialekt. Sie zeigte mir noch ein Foto von ihrem Mann und sagte, dass sie es jetzt immer bei sich trägt.

So saßen wir eine ganze Weile, es wurde langsam kühl und wir gingen zum Ausgang. Als wir uns trennten, nahm ich sie in den Arm und sie hielt mich ein kleines Weilchen fest. Mir kamen fast die Tränen, ich war so berührt, eine alte zerbrechliche und fremde Frau im Arm zu halten, das ging bei mir bis auf meinen Seelengrund. Aber ich war glücklich und fühlte mich beschenkt.

Wir werden uns nun sicher öfter mal begegnen und irgendwann gehen wir gemeinsam Kaffee trinken. Mein Tag verlief ganz anders, als ich es geplant hatte, aber diese Begegnung hat uns beiden gutgetan und es sollte wohl so sein. Die Einsamkeit ist in der Großstadt für alte Menschen besonders schlimm. Wie schön, dass man den Menschen jetzt ohne Maske wieder ins Gesicht sehen kann.

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