Mutter-Kind-Kur 1976
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Feierabend-Mitglied
Freitag 08.03.2019, 07:50
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1976 waren wir 4 Wochen zu einer Mutter-Kind-Verschickung in einem Caritas-Haus in der Rhön.
Ich hatte mein eigenes Zimmer und meine Mädchen 11 u. 8 Jahre schliefen im Kinderhaus. Sie konnten sich aber auch entscheiden, zwischendurch bei mir zu schlafen. Das haben sie nur einmal gemacht, weil es im Kinderhaus mit den Anderen viel spannender war und ich war dankbar für die geschenkte Zeit und die Möglichkeit des Alleinseins. Wir trafen uns morgens an unserem Frühstückstisch, die beiden hatten viel zu erzählen von ihren Erlebnissen in der Gruppe.
Vormittags wurden mit den Kindern verschiedene spannende Aktivitäten unternommen und wir Mütter hatten Zeit für alles, was zu Hause oft nicht möglich war. Es gab keinerlei Zwang, man konnte sich zurückziehen in die Natur, lesen, schreiben, Löcher in die Luft gucken oder sich mit anderen Müttern treffen und plaudern. Auch kreative künstlerische Kurse wurden angeboten. Den Nachmittag verbrachten wir mit unseren Kindern. Alle Mahlzeiten nahmen wir gemeinsam an unserem kleinen Familientisch ein und freuten uns jedesmal aufeinander.
Jeden Abend um 18 Uhr gab es in der Kapelle einen katholischen Gottesdienst, wir waren evangelisch, aber keine Kirchgänger. Meine Töchter liebten diese Messen, die farbigen Gewänder, das viele Gold und Flitter, Weihrauch und das ganze Brimborium, sie beobachteten genau die anderen und wollten alles genau so auch machen. Kinder lieben Rituale.
Wenn der Priester mit den Messdienern durch den Mittelgang ging, begleitet von leisen Glöckchen und dem Weihrauchgeruch, dann knieten sich die Menschen hin und legten das Gesicht in ihre Hände. Meine ältere Tochter fragte ganz leise:" warum machen die Leute die Augen zu?" die Jüngere meinte:"Pst, die machen das, damit sie besser hören, wenn Gott einmarschiert!"
Der Priester, ein freundlicher alter Mann hatte es ihnen angetan, sie liefen aus der Kapelle und während er die Menschen verabschiedete standen sie dicht bei ihm und strahlten ihn an. Sie folgten ihm, wohin er auch ging und als er in sein Auto stieg fragten sie, ob wir nicht mitfahren könnten. Der Priester erklärte ihnen, dass er jetzt noch eine Messe in einem Taub-Blinden-Heim
hält, wir könnten gern mitkommen und uns das mal ansehen.
Jeder dort hatte einen "Übersetzer", der ihnen die Worte des Priesters in die Hände morste. Mein Mädchen waren so fasziniert, der Priester gab ihnen ein Blatt Papier, auf dem die Buchstaben und Zeichen, die mit den Fingern in die Hände gegeben wurden, aufgezeichnet waren. Wir waren oft dort und anschließend durften wir im hauseigenen Schwimmbad mit dem Priester schwimmen gehen. Als meine Große den Priester in der Badehose sah rief sie ganz aufgeregt:" Du siehst ja aus wie ein richtiger Mann!" Schallendes, liebevolles Gelächter von ihm. Prompt kam die nächste Frage: " Kannst du nicht unsere Mama heiraten, wir haben nämlich keinen Papa mehr und wir finden dich toll. Der alte Mann strich ihnen über den Kopf und sagte ganz ernst: " Ich bin mit Gott verheiratet und zwar für immer." Und meine Jüngste lachte und meinte:" Das geht nicht, zwei Männer können nicht heiraten."
Oft saßen meine Beiden allein und ganz versunken auf der Wiese und übten aneinander die Taub-Blinden-Schrift. Auch zu Hause setzten sie das noch eine Zeitlang fort. Als erwachsene Frau hat meine Tochter dann die Gebärdensprache gelernt, das hat sie immer begeistert und ihr als Sozialpädagogin geholfen.
Wir hatten dort eine wunderbare Zeit, der Abschied fiel uns allen schwer, aber wie erholt und entspannt ich war merkte ich erst richtig wieder in Berlin