Morgendunst
Von
Feierabend-Mitglied
15.07.2018, 10:38 – geändert 15.07.2018, 10:42
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Ich bin ein Mensch, der nicht gut sieht. Das liegt nicht an meiner Sehstärke oder an einer falschen Brille, es liegt an meiner Gedankenlosigkeit. Ich rieche den Staub der Straße unter den ersten einzelnen Regentropfen. Ich spüre die Feuchtigkeit der Meeresluft auf meiner Haut. Ich empfinde die Kälte von Schneeflocken auf meiner Zunge. Aber ich sehe und höre nichts.
Nun scheint sich etwas zu ändern. Bereits zweimal in kürzester Zeit sah ich einen Sonnenuntergang, und heute früh sehe ich: der Rhododendron dampft. Die ersten wärmeren Sonnenstrahlen treffen genau auf diesen feuchten dunkelgrünen ledrigen Busch, und es dampft. Mein Herz springt vor Freude. Nicht nur über den Hauch von Frühling und den Dampf, der aufsteigt, nein darüber, dass ich etwas sehe. Ich jubele und singe.
Jeder Blick aus dem Fenster zeigt mir: Es dampft. Jeder Blick aus diesem einen Fenster. Ein Fenster weiter sieht die Welt ganz anders aus. Eine Illusion löst sich in Nebel auf. Direkt hinter dem riesigen Rhododendronstrauch steht der Komposter meines Nachbarn. Deckel offen, und es dampft.
Träume sind offensichtlich doch Schäume. Bei mir versank ein Wunschtraum im Dunst.