Kinder spielen - Kinderspiele
Von
Feierabend-Mitglied
24.02.2019, 19:40
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
24.02.2019, 19:40
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Dieser Text stammt aus einem Schreibseminar "Kreativ Schreiben - Biographie" an der Uni Frankfurt vor etwa sechs Jahren.
Thema: Kinder spielen - Kinderspiele
-----------------------------------------------------------------------------------------
Ich überlege:. Was habe ich als Kind gespielt? Womit? Wann? Wo? Mit wem? Ein Leuchtfeuer prasselt durch meinen Kopf: Seilspringen, Diabolo, Ballschule, Purzelbaum, Kopfstand, Pindop, Stabilbaukasten, Rollschuhe, Fahrrad, Tonnreifen, Schwarzer Peter, Mühle, Dame, Mensch ärgere Dich nicht.
Puppen? Hast Du mit Puppen gespielt? Ich hatte eine Puppe, meine Puppe. Sie war gebraucht und kam von irgendwo. Keine Ahnung, von wem. Meine Mutter nannte sie Bärbel. In Wirklichkeit hatte sie keinen Namen, sie war eine Puppe. Bärbel hieß die Serie des Herstellers. Diese Bärbel aus Celloloid trug hinten am Hals eingeprägt eine Schildkröte. Arme und Beine ließen sich bewegen, der Kopf saß fest am Rumpf. Das Pflaster an Stirn und Haaransatz verdeckte ein Loch aus älterer Zeit. Die Puppe war einfach da, ich habe nicht nach ihr verlangt. Ich hätte nicht einmal gewusst, dass es Puppen gibt.
Zunächst wurde mir diese Puppe, die irgendjemand Bärbel nannte, an meine Seite gelegt. Ich warf sie aus der Kinderkarre, es kam ja nicht drauf an, sie war bereits verletzt. Man hob sie wieder auf, legte sie zurück – von da an waren wir zu zweit. Manchmal zog ich ihr die Wäsche aus, dann war sie nackt. Ihr Körper fühlte sich fest und kühl an. Dass eine Puppe frieren könnte, habe ich nicht begriffen. Ich habe es nie begriffen. Eine Puppe blieb eine Puppe.
Ich wuchs heran, die Puppe nicht. Inzwischen hatte ich gelernt, ihr die Wäsche wieder anzuziehen, sie hinzusetzen und ihr mit einem Löffel den nassen Sand zu reichen. Sie sollte nicht verhungern. Ich schmatzte, sie blieb stumm, den Inhalt des Löffels kippte ich zur Seite.
Mit fünf Jahren lernte ich stricken. Von da an bekam die Puppe einen Sinn. Zunächst bekam sie einen Schal, dann eine Mütze. Diese hatte den Vorteil, dass man sie über das Pflaster ziehen konnte. Eine Hose wurde gestrickt, mit Hilfe der Mutter auch noch ein Pullover. Das Kind war elegant und fein. So konnte man sich draußen sehen lassen – stolz in einem alten Stubenwagen. Andere Puppenmütter gesellten sich dazu. Jeder Kellereingang hinter dem Haus diente als Wohnung. Mit alten Kissen, kleinen Tellern, Wasserkessel, Zuckerdose, Milchkännchen, Sandförmchen und ein paar winzigen Blechtöpfen wurde es wohnlich. Kam Besuch von den nächsten Kellerstufen, musste gebacken werden. Vielleicht auch gekocht mit Gras und Gänseblümchen.
Meine Puppe konnte sitzen, die Puppe meiner Schwester nicht. Sie hatte ein Baby mit weichem Körper sowie Schlenkerarmen und -beinen. Nie hätte ich mit ihr getauscht. Ich mochte keine weichen Babys. Wie strickt man eine Strampelhose? Oder eine Babyjacke? Und wie bekommt man diese weichen Arme in enge Ärmel? Ich wusste es nicht. Nein, meine Puppe war einfach praktisch.
Präsent war sie nicht immer. Mal lag sie in einer dunklen Schublade, mal in einem Schuhkarton. Monatelang schlummerte sie unbeachtet abseits – bekleidet mit immer denselben Socken und einer Unterhose. Erst zum Winter hin, wenn noch Pulloverwolle übrig war, wurde sie gesucht und ins Leben zurückgeholt. Dann wurde Maß genommen, es wurden Maschen gezählt, und die Nadeln klapperten. Gemütlich trafen sich Mutter und Tochter im Sessel unter der Stehlampe
Selbst als die Puppenmutter das zwölfte Lebensjahr vollendet hatte, strickte sie immer noch. In der Adventszeit kurz nach ihrem 14ten Geburtstag schrieb sie auf den Wunschzettel "eine Puppe". Die Familie schüttelte den Kopf. In diesem Alter? Sie wird doch längst erwachsen. Aber der Glaube an den Weihnachtsmann kann Berge versetzen, das Schildkrötkind lag unter dem Baum. Christel heißt sie, wurde mir gesagt. Christel? Ja, so nannte der Hersteller die Serie. Na gut, dann heißt sie eben Christel.
Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen. Christel gibt es immer noch. Sie liegt im Keller in einer dunklen Schublade, ohne Arme, ohne Beine – die liegen daneben. Und auch daneben liegen ihre Socken und die Unterhose.
--------------------------
Nachtrag: Auch die Bärbel mit dem Loch im Kopf wurde neulich im Keller entdeckt. Ebenfalls ohne Arme und ohne Beine, aber mit Unterhose und mit Socken.