Götter in weiß
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Feierabend-Mitglied
Montag 04.11.2019, 23:32 – geändert Montag 04.11.2019, 23:40
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Montag 04.11.2019, 23:32 – geändert Montag 04.11.2019, 23:40
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Wochenlang habe ich auf einen Termin in der ambulanten HNO-Abteilung in der Charite gewartet.
Mein Hörvermögen ist in den letzten Monaten viel schlechter geworden und ich brauchte eine Diagnose, um den Zuschuss für ein neues Hörgerät der Krankenkasse zu bekommen.
Um 9:30 Uhr sollte ich dort sein. Ich war pünktlich, aber an der Anmeldung war niemand da. Nach 10 Minuten fragte ich eine vorbei kommende Schwester, wann hier jemand Dienst hat, sie meinte, die Dame wäre gerade in der Frühstückspause, sie wird wohl bald da sein. Weitere 10 Minuten später hatte ich die erste Hürde geschafft und musste in einem langen Gang mit ca 40 Menschen Platz nehmen und warten, bis ich aufgerufen werde.
Obwohl ich einen Termin hatte musste ich 3 Stunden warten, nachdem ich bereits eine Stunde durch die Stadt gefahren war. Vor mir waren 16 Patienten, kein Tageslicht und die Luft von Ausdünstungen geschwängert. Mir wurde langsam übel.
Schließlich kam ich dran, der Arzt stand nicht einmal auf, er hatte mir den Rücken zugedreht und sagte: "nehmen Sie die Hörgeräte schon mal raus und setzen sich auf den Stuhl." Ich meinte, ohne Hörgeräte verstehe ich nicht, was sie sagen. Er meinte etwas schroff, dann behalten sie sie drin. Der Arzt hätte vom Alter mein Enkel sein können.
Als er sich mir zuwandte, fragte er nach Vorerkrankungen, ich sagte ihm, ich hätte Darmkrebs gehabt und in kurzer Zeit mehrere Narkosen, von denen ich mich schwer erholt habe, ich möchte möglichst keine OP. "Haben sie Bestrahlungen oder Chemotherapie gemacht?" Nein, sagte ich.
Da wurde er sehr unangenehm, meinte, das wäre von mir bodenloser Leichtsinn und ich würde ohne Chemo an diesem Krebs elend sterben. Krebs geht nicht einfach weg. Ich sagte ganz ruhig: "Irgendwann sterben wir alle." Sein Blick sagte alles!
Ich hatte kein Bedürfnis, diesem Menschen etwas zu erklären.
Er untersuchte mich so oberflächlich, guckte ganz kurz in den Hals, in Nase und Ohren und meinte, er vermutet, ich hätte Wasser hinter dem Trommelfell. Ich sagte ihm, dass ich keine Vermutung brauche, sondern eine Diagnose, dafür wäre ich schließlich hier. " Das sehen wir erst bei der OP" und dann schickte er mich zum Hörtest. Obwohl ich vor einer Woche einen Hörtest gemacht habe und ihn dabei hatte, meinte er, dass machen wir hier immer so. Also ging ich los, durch viele Gänge, wartete wieder eine halbe Stunde und ging mit dem neuen Test zu ihm zurück. Wieder längere Wartezeit, dann kam ich dran.
Er drückte mir die Einweisung für eine OP in die Hand, sagte, ich solle wegen einem Aufnahmetermin anrufen und wiederholte nocheinmal, dass ich auch jetzt noch eine Chemo machen könnte, er würde in meinem Interesse dringend dazu raten.
Ich richtete mich ganz gerade auf, gab ihm die Einweisung zurück und erinnerte ihn daran, dass ich erwachsen bin und weiß, was ich tue. Darauf setze er sich an seinen Schreibtisch, drehte mir den Rücken zu und sagte, sie können gehen.
Ich war so wütend, sagte aber äußerlich ganz ruhig, dass ich das sowieso getan hätte, auch ohne seine Aufforderung und verließ sein Zimmer.
Um 16 Uhr war ich zu Hause, mein Magen hing mir bis zu den Kniekehlen, ich brachte aber nur eine Banane runter.
Nun werde ich nach einem anderen Weg suchen, um das Problem zu lösen. Ich mache aber um solche Riesenkliniken in Zukunft einen großen Bogen. Ich frage mich, wie ältere Patienten damit umgehen, wenn sie weniger wehrhaft sind, sich verunsichern lassen und glauben, die "Götter in weiß" wissen Bescheid.
Die Würde des Menschen ist antastbar, vorallem im Gesundheitswesen.