Fahrt ins Ungewisse 1956 Teil 3
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 26.07.2018, 04:57
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Die Bäuerin lud uns zum Frühstück ein und gab uns eine Salami und ein halbes Brot für die Reise. Ich kämpfte mit meinem Muskelkater und war schlecht gelaunt und ging meinem Bruder Manfred ganz offensichtlich auf die Nerven. Immer, wenn eine Steigung kam, hängte er sich an einen Lastwagen und ließ sich hochziehen, das konnte ich natürlich mit meinem Kinderfahrrad nicht. Ich schob also fluchend den Berg rauf und er stand oben und lachte.
Beim 3. oder 4. Berg kam ich oben an und heulte aus Erschöpfung. Mein Bruder sagte:"Heulsuse, ich hab dich satt, wir treffen uns im nächsten Ort auf dem Marktplatz" und weg war er.
Oh Schreck, nun war ich ganz allein und hatte solche Angst, ihn nicht wiederzufinden. Links und rechts gingen zwischendurch Straßen ab, aber ich blieb auf der Hauptstraße und fuhr, so schnell ich konnte. Nach schier endloser Zeit und Verzweiflungsschüben kam ich zu einem Ort, dann zum Marktplatz und da saß vergnügt mein Bruder. Er hatte 15 Brötchen gekauft, 14 aufgegessen und mir eins übriggelassen. Ich schlief ein Stündchen auf einer Bank, nachdem er mir versprochen hatte, nicht ohne mich weiterzufahren. Außerdem hatte er während der Zeit auf dem Markt 2 Äpfel und 2 Mohrüben geklaut, die er mir stolz zeigte.
Am Nachmittag fuhren wir weiter. Wir fanden meist ein Quartier entweder in einer Scheune oder in einer kleinen Pension, in der wir eine Abstellkammer bekamen. Allerdings immer gegen Arbeit, ich in der Küche, abwaschen, Kartoffeln schälen o.ä., mein Bruder half auf dem Feld oder im Stall.
Dann hatte Manfred eine grandiose Idee. Wir gingen in eine Gastwirtschaft und er meinte, "stell dich vorne hin und fang an, alte Volkslieder zu singen, du hast eine so schöne Stimme." Huch, ich wollte nicht, war viel zu schüchtern, aber aus lauter Angst, dass er mich wieder allein lässt, fielen mir alle Lieder ein, die wir so oft zu Hause gesungen haben. Ich stellte mich vorne hin, begann, laut zu singen und mir liefen die Tränen runter vor lauter Heimweh. Und dann sang mein Bruder die 2.Stimme dazu. Wir bekamen sogar etwas Geld, ein Abendbrot. Manfred bekam ein kleines Zimmer und ich musste zwischen dem alten Bauernpaar in der Mitte im Ehebett schlafen. Denke heute noch mit Schaudern an diese Nacht, schnarchen, Oma ohne Zähne und ein Geruch, der mir Übelkeit machte.