Eine Stadt, eine Sommernacht und ......
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MasterOne
Samstag 18.07.2020, 13:33
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Heute war es wieder mal so weit. Wie alle Jahre um diese Zeit – dem ersten Wochenende im August, so auch heuer – findet zum x-ten Mal der erwartete Wasserburger Flohmarkt statt. Ein traditioneller Höhepunkt dieser Insel, der die Leute – ob neugierige Besucher, Flohhändler oder Würstlbrater – jeden Sommer zu einer seltenen Einzigartigkeit von wer weiß der Teufel überall her ins abendliche Wasserburg treibt.
In Schwärmen fallen sie ein. Von Westen her über Land, oder über die einzige Brücke, die den Zugang von Osten her über den Inn erlaubt. Eine schwitzende, teils festlich gekleidete, zumeist auch gut gelaunte Menschenmasse, die ihr Auto weit vor der Stadt schon abstellen musste und den Rest nun zu Fuß einwalzt. Manchmal begegnet man kleinen Prozessionen betender Wallfahrer auf ihrem Weg, ein Gelübde einzulösen, die Fahne tragen zu dürfen, wegen einer heimlichen Liebe sich ihrer Nähe erfreuend oder einfach nur so, weil's ja ums Dabeinsein geht. Und ganz weit hinten, sich durchzwängend, rempelnd, dringlich der Fahne nachstrebend, ein eiliger Nachzügler. Wegen dem Schuhbandl, was er sich am Rande der Straße schnell wieder schnüren musste, sind ihm ein paar Gebetsverse ausgekommen.
Flackernde Kerzen, rußige Stalllaternen, gleißende Karbidleuchten, herumfunzelnde Taschenlampen, abseits um Tische vereinte Maßkrugstemmr, lautes Feilschen, Gelächter und dazwischen die über alles verführenden Düfte verschiedenartiger Grillstände, Pizzabäcker, Bratwurströster und nicht zuletzt noch ganz frisch gebackener Krapfen, die durch offene Fenster einer Backstube die ganze Nacht lang tonnenweise verkauft werden.
Wasserburg im August, eine warme Sommernacht, und von irgendwoher klingt immer Musik. Eine von jenen Nächten, wo man sich unterm Sternenhimmel nichts anderes vornehmen sollte – keine Uhr vermisst und viele auch kein Bett mehr finden.
Man trifft ehemalige Nachbarn, Freunde, nette Arbeitskollegen, lustige Großstädter aus einem ehemals verträumten Stadtviertel, Urlauber, die nie wieder nach Hause wollen, intime Blicke, ausgelassene Spaßvögel und dazwischen hie und da einen Kampftrinker, nach einer freien Parkbank suchend.
Mitternacht war längst vorbei, als mein schneidig gedirndeltes Weibi etwas fußlahm an der Haustüre läutete. Noch nie hatte sie sich dieses Ereignis entgehen lassen, heuer aber machte sie sich zum ersten Mal alleine auf, sich dieser schiebenden Menschenwalze anzuschließen. Da musste sie nicht immer das machen, was Begleiter wollten, dort verweilen, wo's der Freundin gerade gefiel; nein, diesmal drängelte und schob sie sich alleine durch das Vergnügen.
Au weh, stöhnte ich leise, als sie bepackt mit voller Tragetüte und noch was anderem, das sie mit der linken Hand an ihr Herz drückte, ins Haus eintrat.
Es muss wohl daran liegen, dass eine solche Nacht die Wünsche und die Kaufsucht der Frauen besonders stark anregt. Doch dann liegt das vermeintliche Floh-Schnäppchen mindestens ein halbes Jahr immer im Blickfeld in der Wohnung herum, bis es endlich auf den geräumigen Speicher wandert, wo es die Erbmasse mehrt.
Voriges Jahr war ein fünfarmiger Metalllüster dabei – weiß, schleiflackiert, mit Rosetten und geschmiedeten Weidenblättern, aber dafür abgezwicktem Kabel und ohne die dazugehörigen milchglasigen Schirmchen. Heuer für die Tochter in Griechenland ein Kochbuch – weil man ja nie weiß, was man noch nicht weiß –, ein Kinderweihnachtsbuch für den Enkel, zu dem das Chistkind laut Julianischem Kalender erst dann kommt, wenn bei uns das Spielzeug schon wieder kaputt ist, ein halbes Dutzend Zinnteller mit eingelassenem Porzellanboden hinter Rosenmotiv – solche, wie mein seliger Opa fürs Spielgeld beim Kartenspielen immer in der Jackentasche dabei hatte. Und weil ihr die Tellerchen so gut gefielen, bekam mein pfiffiges Schätzchen zur Belohnung ein ähnliches Tellerchen noch oben drauf.
Aber dann zeigte sie mir noch ein "Filetstück", eine "Rosine". Das war jenes Flohschnäppchen, was sie bei der langen Schlepperei nach Hause den Berg hinauf an ihr Herz drückte: eine echte alte Vinyl-Langspielplatte. Nicht irgendeine. "Bairisches Spektaculum" steht fett in altdeutscher Zierschrift oben drüber. Und wer da glaubt, es handele sich um alpenländische Hopsasamusik nach der eines "lustigen Misukantenstadl" – und etwa gar zum Schunkeln oder Mitklatschen – ist hier auf dem Holzweg. Die Fußzeile verrät dem kulturrechen Bayern: "Aufgeschlagen von Wastl Fanderl", ein kulturelles Edelsteinchen, von einem leicht verbogenen Pappendeckel behütet.
"Althergebrachte Moritaten und raue Gesänge von Wildschützen, Rebellierern und Verriegelten. Von kuriosen Umgehern und sündhaften Brautwerbern, aber auch von bekehrten und bußfertigen Wallfahrern." So beschreibt der Herausgeber diese Platte, was hier in Rillen für die Nachwelt eingepreßt wurde. Kein Kratzer, kein Staubkörnchen, praktisch neu, präsentiert hier Wastl Fanderl, Kulturhistoriker und verdienter Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk, bayerische Skandale, die zu Papier und Lied gefasst, aus alten Liederbücherln dörflicher Hausmusik handschriftlich mit Federhalter und Tinte festgehalten, einer klangvollen Wiedergeburt zugeführt wurden.
13 Mark hat sie für das alles zusammen ausgegeben und ich hätte wirklich keinen Grund zu meckern, meinte sie rechtfertigend, denn "gell, was kriegt man denn heut' noch für 13 Markl?"
Und nächstes Jahr werden sie wieder in die Stadt einfallen; aufgeputzt, erwartungsvoll, mit Taschenlampen auf der Suche nach Schnäppchen wuselnd, Frauen mit aufgelegtem Parfum, Blicke auf sich lockend, scherzende Menschen hofierend - und sie werden auf ihr Abendessen zu Hause verzichtet haben und sich der Schmankerl letzter Jahre erinnern und dem Geruch nach ihren Grillfavoriten zusteuern. Nur manchmal, wenn Kunden beim Bezahlen sich sehr zum Licht hinüber beugen und in ihren Börsen nach den passenden Münzen kramen, fällt ihr Blick zwischen tiefen Schatten in das freundliche Gesicht des Grillmeisters, der an Schwitzen gewöhnt scheint und sich hinter dem Tresen in seinem Element fühlt. Kavaliere alter Schule jedoch leuchten dem weiblichen Geschlecht hilfsbereit mit ihrem Feuerzeug, und auf das charmante "mei, sie, dankschön, des is aber sehr nett von eana" folgt dann vielleicht ein "nix zu danken, i' bin der Olaf – kannst ruhig Du zu mir sagn". Auf diese bayerische Weise wird wegen so einem liederlichen Flammerl im Gedränge die Nähe sehr unmittelbar und wer weiß, für wie lange zusammengeschmiedet.
Gesättigt – die letzten Spuren der G'schmackigkeit mit der Zunge um Gaumen, Lippen und zwischen Zähnen aufspürend - macht sich der Besucher wieder auf, Teil eines Gewühls zu werden, welches zu nächtlicher Musik und flackernden Lampions die einzigartige Stimmung ausmacht.
Was hier veranstaltet wird, ist nicht einfach nur Flohmarkt – Flohmarkt wie anderswo auf einer Wiese oder abseits üblicher Begegnungen und Verkehrsgeschehen, nein, dieser Flohmarkt ist einzigartig – ein Fest des Volkes inmitten ehrwürdiger Altstadtfassaden.
Doch wer immer nach diesem "Flohfest" irgendwann nach Hausse geht, tut es mit frohem Sinn, zufriedenem Herzen, einen Schatz von "Flöhen" und der sicheren Erkenntnis – auch wenn die Füße noch so erschöpft sind – hier muss ich wieder her, hier habe ich Wurzeln geschlagen; überquert müde die einzige Brücke, schnippt bedeutungsvoll – wie zum Ehrenwort – seine Zigarettenkippe in weitem Bogen in den Inn hinab, der zu dieser Jahreszeit sein grünes Wasser gemütlich um die Stadt schwoabt. Und von irgendwoher klingt immer noch leise Musik.
Rolf A. Beck