Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

18 12

Ein Tag wie jeder andere

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 18.07.2018, 21:50 – geändert Mittwoch 18.07.2018, 21:53

„Ihr solltet jetzt endlich mal heiraten,“ sagte seine Mutter. Es war im Sommer 1962 in einer kleinen Holzhütte auf einem Campingplatz in Holland. Die Beziehung müsste ihrer Ansicht nach endlich einmal legalisiert werden. Was heißt überhaupt Beziehung? Mit sieben Personen in dieser kleinen Holzhütte mit drei winzigen Räumchen und doppelstöckigen Betten war an Beziehung überhaupt nicht zu denken.

Die Worte der Mutter blieben in der Luft hängen. Gelegentlich hatte er schon mal so nebenbei erwähnt: „Vielleicht heirate ich Dich eines Tages doch noch.“ Zu jener Zeit heiratete Er noch Sie, auf gar keinen Fall umgekehrt. Aber eigentlich machte alles ohne Hochzeit viel mehr Spaß. Endlich raus aus dem Spießermilieu.

Bei einer Beziehung in einer kleinen Mansarde denkt ein Paar hin und wieder auch an eine Beziehung in einer kleinen Wohnung. Die jedoch gab es nicht für Personen außerhalb der Norm. Es gab einen Kuppeleiparagraphen, und eine Gefängnisstrafe nur für eine Liebe wollte kein Vermieter riskieren. Sie wurden also gezwungen. Sie wurden gezwungen, zum Standesamt zu gehen. Die vorgeschriebenen Papiere wurden beschafft, das Aufgebot ausgehängt, der nächste freie Termin gebucht - 18.12.1962. Sie im schwarzen Kostüm, er im schwarzen Anzug, zwei Trauzeugen und ein Fotograf. Die Frankfurter heiraten schnell, in zehn Minuten war alles vorbei. „Sie dürfen die Braut jetzt küssen,“ sagte der Hüter der Moral. Und obwohl sie nicht gefragt wurde, freute die Braut sich über diesen Kuss. Ihr Brautstrauß ließ dabei die Köpfe hängen. Das war die Folge dieses kalten Winters. Draußen klirrte der Frost, alle sieben Rosenblüten brachen ab wie Glas und Stecknadeln sorgten für eine provisorische Befestigung an den Stielen. Geld für neue Blumen gab es nicht.

Nach der für alle Vermieter so wichtigen Zeremonie folgte ein Mittagessen in der dem Standesamt gegenüberliegenden Weinstube – Eheleute plus zwei Trauzeugen. Hauptgericht der Zeugin: Hähnchen mit Pommes und Salat. Dieses Lokal war eigentlich für Besseres bekannt. An eine Nachspeise gibt es keine Erinnerung. Das steife Festmahl wurde schnell beendet. Das Brautpaar eilte mit der Straßenbahn in die Mansarde zurück, zog die Eleganz aus und die alten, vertrauten Klamotten wieder an.

Das war der Anfang der Moral.

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Ein Tag wie jeder andere