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Ein Schritt in eine fremde Welt 1989

Von Feierabend-Mitglied Samstag 09.01.2021, 19:01

Eine Freundin sprach mich im Sommer 1989 an und fragte, ob ich nicht mitkommen will in ein musikalisches Sommercamp. In der Schweiz in 2000 m Höhe treffen sich ca 400 Menschen, um in der Natur die H-Moll Messe einzustudieren. Ich zögerte tagelang, es kostete für 10 Tage 700.-DM, dazu kamen die Reisekosten und es war von dem Sufi-Orden organisiert, esoterisch geprägt. Sie wollte nicht allein fahren und so ließ ich mich überreden und überhörte mein Bauchgefühl. Wir waren beide Klassikfans, die H-Moll Messe ist ein überwältigendes Stück und das in freier Natur. Schließlich sagte ich ja.

Jede hatte ihr eigenes Zelt dabei, wir fuhren mit der Bahn, dann mit dem Taxi zu der ausgeschilderten Stelle. Ein mühsamer und schweißtreibender Aufstieg mit Zelt und Rucksack begann. Ich war nahe daran, aufzugeben.

Endlich auf einem großen Plateau angekommen meldeten wir uns an und suchten ein stilles Plätzchen, an dem wir unsere Zelte aufbauen konnten. Viele Menschen waren schon dort und informierten uns, dass es der Organisation nicht gelungen war, die Leitungen für das Wasser rechtzeitig zu legen und so bekam jeder 1 Lt. pro Tag zum Waschen. Zum Trinken stand am Küchenzelt eine große Tonne mit dünnem Tee, zwei Zelte zum Essen, eines davon ein Schweigezelt. Toiletten waren kleine Verschläge mit einem Plumsklo. Frauen meldeten sich freiwillig, um diese stinkenden Säcke ins Tal zu bringen. Motiv war, sie wollten ihr Karma abtragen.

So kam die erste Nacht mit 5 Grad, Sturm, Gewitter und strömendem Regen. Ich lag zitternd wach, morgens als erstes zum Küchenzelt, um mir einen Becher heißen Tee zu nehmen. Die Küchenfee sah dies, lächelte mich an, nahm mir den Tee aus der Hand mit den Worten: " Wir machen erst einen Morgenkreis und warten, bis alle da sind.!" Wir warteten auf der großen Wiese und waren klitschnaß.Zum Essen gab es nur Körner, die im Mund immer mehr wurden.

Später folgte das Vorsingen vom Blatt, um in den Chor aufgenommen zu werden, wir wurden beide abgelehnt, es war uns ein kleiner Fehler passiert. Wir wurden einer Gruppe zugeteilt, die russische Volkslieder einübten. Das lehnten wir enttäuscht ab. Der Ober-Guru kam täglich in einem offenen Wagen mit 6 seiner Unter-Gurus ins Camp, alle Menschen verneigten sich, dann wurde schweigend gefrühstückt, um sich nun zu einem Reatreat zu begeben. Diese wurden in einer fremden Sprache abgehalten, ich bekam jedes Mal schmerzhafte Krämpfe dabei im Bauch und nahm daran nicht mehr teil.

Wer sich zum Abwaschen meldete bekam eine halbe Tasse Kaffee, während die Unter-Gurus genussvoll daneben standen, ihren Bohnenkaffee tranken und rauchten. Auf meine dreiste Frage, warum sie das dürfen und wir nicht sagten sie lächelnd: "Wenn du in deiner geistigen Entwicklung so weit bist wie wir, dann darfst du das auch."

Uns Beiden ging es elend, nachts Kälte, tagsüber heiß, ständig Hunger, Durst, tiefe Enttäuschung, viele Tränen. Wir zogen die Notbremse und reisten nach 3 Tagen ab. Wir wussten plötzlich ganz klar, dass wir diese seelisch und körperlich krankmachende Atmosphäre dringend verlassen mussten.
Anschließend fuhren wir nach Mailand und stürzten uns nach dem 3 iägigem Mangel in den Sommerschlussverkauf.

Esoterik war nie wieder für mich ein Thema.

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