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Die fremde Frau

Von Feierabend-Mitglied Freitag 13.07.2018, 12:23

Der Altersunterschied zwischen meinem Mann und mir betrug acht Jahre. Acht Jahre, die uns erst bei Renteneintritt bewusst wurden. Kam ich abends aus der Redaktion, war die Wohnung mit Beschlag belegt. Zeitungen auf dem Tisch, Zeitungen auf dem Boden, Zeitungen überall – und Geschirr in der Küche. Ich kam mir vor wie auf Besuch.

Bevor es nun zwischen uns zu ernsthaften Störungen kommen konnte, buchte der Herr einen Flug nach Spanien, um in seinem dortigen Domizil in Ruhe das Kochen zu üben. So konnte er nicht nur für mehr Zeit und Entspannung auf meiner Seite sorgen, sondern nach seiner Rückkehr auch die täglichen Abendessen vorbereiten.

Schon nach kurzer Zeit überfiel uns die Sehnsucht. Es gab noch keine Flatrate und die Telefonrechnung überstieg so langsam die Kosten für ein zweites Ticket plus Mietwagen. Ich buchte und flog. Man sollte sich öfter mal trennen, denn die Wiedersehensfreude entlohnt für viele Entbehrungen.

Am Sonntag wurden die Beweismittel für seine Kochkunst auf dem Markt eingekauft. Und nach dem Marktbesuch stand regelmäßig auch ein Besuch der Hafenbar auf dem Programm. Zwischen proppenvollen Stühlen und Tischen ergatterten wir zwei Sessel, ließen uns nieder und schon schallte ein Ruf vom Nebentisch: „Hallo Heinz, hast Du eingekauft? Und wie ist Dir der Abend bekommen?“ Ich stutzte. Mein Mann duzte aus persönlicher Überzeugung grundsätzlich niemanden. Und hier fragt eine Frau den lieben Heinz, wie ihm der Abend bekommen sei? Mir wurde übel.

Er stellte uns vor: „Das ist die Ursel und das ist die Karin.“ Na prima. „Und wie heißt sie mit Nachnamen?“ dachte ich. „Den kennst Du wohl nicht, mein lieber Mann?“ Allerdings behielt ich die Contenance, denn man steht ja über den Dingen, man ist ja schließlich wer. Die Unterhaltung war angeregt seitens dieser fremden Ursel, von der ich erfuhr, dass sie uns direkt gegenüber wohnt und erst vor kurzem zugezogen ist. Irgendwann Verabschiedung und zurück nach Haus.

Es platzte aus mir heraus. „Wieso duzt Du auf einmal diese Frau?“ Der Mann blieb ruhig.

Am vorausgegangenen Wochenende war er bei Freunden zum Abendessen eingeladen, verließ diese so gegen zwölf Uhr nachts und hörte in seinem weinseligen Zustand Musik von der gegenüberliegenden Straßenseite. "Also warum so früh schon ins Bett?" war seine Meinung. Wo gesungen wird, da lass Dich ruhig nieder. Aber außer Wein und Gesang kommt auch noch ein Weib im Motto vor, sagte mein Verstand. Ich ließ ihn trotzdem ohne Gegenrede zu Ende erzählen.

Diese Frau namens Ursel feierte Einweihung ihres neu erworbenen Feriendomizils, hatte die halbe Welt zum Feste eingeladen, und da kam es auf ein leicht angetrunkenes Rentner-Bürschlein auch nicht mehr an. Also rein mit ihm in die gute Stube, die unter südlichem Himmel eher ein schöner Garten ist. Dass dieser späte Gast sich aber widerspruchslos duzen ließ, hat nie jemand begriffen. Es lag wohl an der Menschenmenge, bei der kein Widerstand möglich war.

Irgendwann duzten Ursel und ich uns dann auch und wurden zu besten Freundinnen. „Ihren“ Heinz allerdings nannte ich bis zu seinem Lebensende weiterhin "Herr W.......".

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