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Die andere Seite der Pandemie

Von Feierabend-Mitglied 15.03.2020, 10:09

Vor zwei Wochen habe ich wegen meines Alters und einiger Vorerkrankungen die Entscheidung getroffen, mich vorerst freiwillig in Quarantäne zu begeben. Dazu gehörte erst einmal eine Portion Mut. Ich habe mich mit dem Notwendigen versorgt, vorgekocht, eingefroren, Brotaufsriche selbst gemacht, die ersten 2 Brote selbstgebacken und mich bei kraftvoller oder meditativer Musik beschäftigt. Ich kann zu jeder Tages-oder Nachtzeit schlafen, dösen, lesen, schreiben und in mir Ordnung schaffen.
Dabei habe ich erstaunliche Dinge in mir festgestellt. Es ist ja eine Situation, die ich jederzeit beenden kann.

Das erste, was mir auffiel, das war das wunderbare Gefühl von Freiheit. Keine Termine, Zeit, die nur mir gehört, jeder Druck und jedes Muss löste sich aus meinem Körper und damit entwickelte sich eine fließende Harmonie in mir, die mich einfach glücklich macht. Es ist ein Gefühl, wie wenn man entrümpelt, Klarheit schafft, Gedanken denkt, die bisher keinen Raum hatten und an die Oberfläche kommen. Oft fühle ich mich, wie ein Kind, das die Welt entdeckt, die Innere, über die wir wenig gelernt haben und die wie Luftblasen nach oben steigt. Ich lebe meinen eigenen Rhytmus, blockiere die Gefühle nicht mehr, auch nicht die Trauer über Manches, Enttäuschungen, Verluste und zeitweilige Leere, Tränen dürfen einfach fließen, ohne dass ich sie bremsen muss. Und so tun sich Türen in mir auf, ich entdecke neue Räume und nie gekannte Weite, die ich mit Neugier und Demut erkunde. Es macht mich zufrieden, zu erfahren, wie wenig ich brauche.
Ich habe keinen Besuch und gehe nur abends für eine Stunde durch die fast menschenleeren Straßen im Einklang mit mir. Da ich mich so stabil und gut fühle habe ich begonnen, alte Menschen in unserer Gruppe zwischendurch anzurufen, zuzuhören, wie es ihnen geht, zu ermutigen, wenn möglich zu trösten und sie in ihrer Einsamkeit innerlich zu besuchen. Aber auch dafür setze ich nur eine begrenzte Zeit ein.

Meine Töchter aktzeptieren meine Entscheidung, stellen mir, wenn dringend notwendig, einen kleinen Einkauf vor die Tür, ich öffne, wir lächeln uns an, reden wenige Worte und sie verschwinden beruhigt wieder.
Jede schlimme Zeit hat auch etwas Gutes, wenn man bereit ist, das auch zu sehen. Ich fühle mich das erste Mal in meinem Leben priviligiert.

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