1955 - 3 Monate Kinderverschickung Schweden Teil 4
Von
Feierabend-Mitglied
Freitag 17.08.2018, 15:00
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
Freitag 17.08.2018, 15:00
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Annelie hatte mal als Schneiderin gearbeitet und nähte mir wunderbare farbenfrohe Kleider, sie gingen mit mir einkaufen und ich bekam so hübsche Dinge zum Anziehen. Ich hatte sehr lange Haare, die ich immer zu Zöpfen geflochten trug. Als ich Annelie mal wieder in ihrem Friseurgeschäft besuchte fragte sie mich, ob wir nicht die Haare ein Stück abschneiden wollen und sie würde mir eine leichte Dauerwelle machen. Ab diesem Tag trug ich die Haare offen, leicht gelockt und fühlte mich wunderschön.
Jedes Wochenende fuhren wir mit der Fähre auf die Insel Öland, wo meine Pflegeeltern ein kleines Häuschen mit Garten hatten. Dort besuchten wir auch einmal die alte "Hexe" auf ihrer Burg. Aber davon später..
Manchmal überraschte ich meine Pflegeeltern und kochte für uns zum Abendessen. Das hatte ich ja zu Hause schon mit 6 Jahren gelernt und musste es in meiner Kindheit häufig tun. Meine Mutter war viel krank und schaffte es oft nicht mehr für so viele Personen. So lernten sie auch deutsche Gerichte kennen, denn ich kochte sehr gut, hatte ja schon 4 Jahre Erfahrung. Das war dann immer eine besondere Freude, weil ich ihnen eine Freude machen konnte. Oft pflückte ich bei meinen Spaziergängen auch wilde Blumen und stellte sie abends auf den Tisch, ich liebte meine Pflegeltern sehr.
Annelie und Eric hatten jeder ein Moped, sie kauften ein Körbchen für Emil und das kam vorne an Ihren Lenker, ich saß bei Eric auf dem Gepäckträger. So fuhren wir jeden Freitag Abend zum Hafen, mit der Fähre über den Öresund zu dem kleinen Häuschen. Das waren wunderbare Wochenenden, wir badeten im Meer, das liebte ich über alles. Wir spielten Krocket, luden die Nachbarskinder ein, machten Ausflüge über die Insel. Ich war begeistert über die vielen alten Mühlen (gamla kvarnen) und abends, oft am Feuer, lasen sie mir Geschichten auf Schwedisch vor. Einmal wollten wir die alte Frau in der Burg besuchen. Annelie hatte Kuchen und einen Blumenstrauß gekauft. Ich war ängstlich und hielt mich an Erics Hand fest denn die Burg war groß, halb verfallen und weit und breit kein anderes Haus.
Wir klopften an eine uralte Holztür, mein Herz klopfte fast genauso laut. Nach einiger Zeit wurde die Tür geöffnet, die "Hexe" sah mich, schrie und schimpfte und drohte mir mit dem Stock, riss meiner Pflegemutter die Blumen aus der Hand und schmiss sie auf den Boden. Dann knallte sie die Tür zu und wir hörten noch lautes schimpfen. Eric nahm mich auf den Arm, weil ich so zitterte. Er trug mich zum Moped und dann gingen wir Eis essen. Langsam kam die Zeit des Abschieds. Ich schrieb nach Hause und fragte, ob ich Emil Svenson mitbringen darf, es war ja mein Hund. Mein Vater schrieb zurück: "Entweder du kommst allein oder du bleibst mit dem Hund ganz da". Ich weiß noch, dass ich mich an diesem Abend mit Emil im Arm in den Schlaf weinte.
Die Zeit des Abschieds war gekommen. Annelie, Eric und Emil brachten mich zum Bus. Mein Herz war schwer und ich hatte Emil auf meinem Arm. Beim Einsteigen musste ich ihn abgeben, tränenreiches Loslassen, viele Umarmungen, dann ging es los. An die Rückreise erinnere ich mich kaum.
Der Schluss folgt.