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1955 - 3 Monate Kinderverschickung Schweden Teil 2

Von Feierabend-Mitglied Freitag 17.08.2018, 08:26

Nach 2 oder 3 Tagen fuhren wir auf's land, Verwandte besuchen, die auf
einem großen Bauernhof mit vielen Tieren lebten und sie hatten ein Ferienkind aus Berlin, einen Jungen von 13 Jahren. Ich hörte wieder meine Sprache, rundum war Weite und Freiheit. Rudolf erzählte viel, zeigte mir den Hof und ich beschloss, dort zu bleiben. Ich hatte einen eisernen Willen, konnte furchtbar stur sein und suchte in schwierigen Situationen unbeirrbar nach einer Lösung. Wir versteckten uns, wo man uns nicht finden konnte und ich schaute durch eine winzige Ritze in der Scheune, um zu sehen, wann meine "Stadteltern" abfuhren. Sicher waren sie froh, dass sie mich auf diese Weise los waren.

Abends gab es ein kräftiges Donnerwetter auf Schwedisch. Rudolf grinste, ich auch, aber nur innerlich, ich tat ganz schuldbewusst. Ab da gehörte ich einfach dazu, bei so vielen Menschen, Angestellte, Landarbeiter fiel ich gar nicht auf. Wir waren den ganzen Tag draußen, niemand achtete auf uns, Rudolf zeigte mir die vielen Tiere, nur zu den Mahlzeiten saßen alle am großen Tisch und ich lernte die ersten Brocken schwedisch. Rudolf hatte eine Dachkammer, dort wurde eine Matratze hineingelegt und von dem kleinen Fenster konnten wir den ganzen Hof überblicken. Abends erzählten wir uns bis zum Einschlafen spannende Geschichten. Wenige Tage später passierte etwas ganz Schreckliches, mich schaudert noch heute, wenn ich daran denke. Beim herumstromern auf dem Hof entdeckten wir in der Scheune eine Katze mit mehreren Jungen, ich weiß nicht mehr, wie viele es waren. Ich war hin und weg, tiefe Glücksgefühle breiteten sich in mir aus. So etwas hatte ich ja als Stadtkind noch nie gesehen. Rudolf sagte, der Bauer würde sie ertränken, wenn er sie findet.
Wir wickelten die Kleinen in unsere Pullover, nahmen auch die Mutterkatze mit und schlichen auf Umwegen in unsere Kammer. Dort machten wir ein kleines Nest aus allem, was wir fanden und beobachteten völlig hingegeben, wie die Kleinen sich ankuschelten und bei der Mutter tranken. Kindlich ahnungslos dachte ich keinen Moment daran, was geschehen würde, wenn wir entdeckt wurden oder was geschah, wenn wir nach Hause mussten.
Am nächsten Tag kam der Bauer polternd nach oben, riss die Tür auf und sah die Katzen. Ich war starr vor
Schreck. Er holte einen Eimer mit Wasser und ertränkte die Kleinen in unserem Beisein, der Mutterkatze band er den Schwanz an die Beine und schmiss sie mit Wucht aus dem Fenster. Wir waren im 3.Stock. Polternd und ohne ein Wort an uns verließ er unsere Kammer.
Mich packte die nackte Panik, ich weiß nur noch, dass ich dachte, er würde mit uns das Gleiche machen. Ich rannte wie von Sinnen die Treppe runter, über den Hof zum nächsten Wald. Ich rannte um mein Leben, bekam kaum noch Luft und fiel in ein Gebüsch, in dem ich ausruhen konnte. Aber nur kurz, denn meine Angst, dass man mich suchen und finden würde ließ mich schnell wieder aufstehen und weiterrennen. Ich weiß nicht mehr, wielange ich unterwegs war, ohne Ziel und nicht wissend, wohin. Auf einer Landstraße rannte ich weiter, nur weg, weg, weg....
Irgendwann bin ich am Straßengraben eingeschlafen, es dämmerte bereits. Da berührten mich 2 fremde Leute, ein Mann und eine Frau, ich wollte sofort weglaufen. Aber die Frau hielt mich ganz behutsam fest und lächelte.

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