1955 - 3 Monate Kinderverschickung Schweden Teil 1
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Feierabend-Mitglied
Freitag 17.08.2018, 03:54
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1955, ich war 10 Jahre alt, wurde ich als armes Berliner Ferienkind für 3 Monate nach Schweden verschickt.
Unser Gepäck bestand nur aus einem Schuhkarton, in dem Unterwäsche zum Wechseln war, eine Zahnbürste, ein kleines Kuscheltier und ein zweites paar Schuhe. Wir sollten in Schweden neu eingekleidet werden. Wir fuhren mit vielen Kindern und einigen Betreuern mit der Bahn, unseren unbekannten Pflegeeltern entgegen. Die Bahn fuhr auf ein riesiges Schiff, aber wir durften den Zug nicht verlassen, damit keins verlorenging. Wieder an Land stiegen wir in einen Bus, der die Kinder nach und nach zu verschiedenen Orten brachte, wo sie von fremden Menschen abgeholt wurden.
Zum Schluss saß ich mit einer Betreuerin allein im Bus auf der letzten Etappe nach Kalmar. Endlich angekommen war niemand da, der mich abholen wollte, mein Herz klopfte. Nach längerer Zeit kam eine uralte Dame am Stock, die Betreuerin sagte, das wäre meine Pflegemutter. Oh Schreck, ich saß wie gelähmt und rührte mich nicht. Die alte Frau sprach schwedisch, ich verstand kein Wort. Man erklärte mir, meine Pflegemutter wohnt auf der Insel Öland in einer alten Burg ganz allein mit sehr vielen Katzen. Ich hielt sie für eine Hexe, bekam Panik, kroch unter den Sitz und hielt mich mit aller Kraft an den Sitzbeinen fest. Erst als man mir versprach, dass die "Hexe" Verwandte in der Stadt hätte und wir erst einmal dort hingehen würden und die Betreuerin, die deutsch sprach, mitkommen würde, ließ ich los und stieg aus. Die alte Dame schimpfte mit mir, ich verstand kein Wort und hielt mich ganz fest an der Hand der Betreuerin.
Wir kamen zu einer Familie mit zwei Kindern in etwa meinem Alter, die mich feindselig ansahen, so kam es mir jedenfalls vor. Ich musste dringend auf die Toilette, verriegelte die Tür und beschloss, nicht mehr herauszukommen, bis die "Hexe" gegangen war. Man klopfte laut an die Tür, schimpfte auf Schwedisch, ich zitterte aber blieb stur auf dem Boden sitzen. Irgendwann sprach die Betreuerin, die alte Dame wäre gegangen und ich könnte erst einmal in dieser Familie bleiben. Nach langer Zeit kam ich ängstlich heraus, hundemüde und verheult, bekam ein Bett auf dem Sofa gemacht und fühlte mich gottverlassen.
In dieser Familie gab es merkwürdige, für mich beängstigende Dinge. Es wurde ständig gebetet, wobei sich alle immer niederknieten. Wenn wir die Wohnung verließen mussten wir an der Haustür niederknien und der Vater segnete uns. Es wurde oft gesungen, wobei der Vater die Familie auf dem Harmonium begleitete. Lachen war streng verboten, tat es eines der Kinder doch, dann gab es einen strafenden Blick und das Kind musste niederknien und beten. Ich war nicht in Gefahr, denn mir war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Im Grunde wurde ich nicht beachtet, solange ich alles stumm mitmachte, was die anderen taten. Ich verstand die Sprache nicht und fühlte mich, wie der einsamste Mensch unter der Sonne. Erst später durch meine 3.Pflegeeltern habe ich erfahren, dass diese Familie Mitglied in der Philadelphia-Sekte war.
Fortsetzung folgt....