Zurück nach Deutschland
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 15.08.2023, 08:57
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Das Abitur war geschafft. Ich war der erste aus der eigenen und der Familie meines Vaters, also aller meiner Cousins und Cousinen, der das Abitur gemacht hatte und studieren würde. Ein Stipendium habe ich trotz aller Anstrengungen und der Hilfe meines Klassenlehrers nicht bekommen.
Die Lösung hieß also weiterarbeiten. Ich schrieb mich an der altehrwürdigen Sorbonne im Pariser Quartier Latin ein. Als einer von 30.000 Studenten kämpfte ich mich durch das Aufnahmeritual. Schon der Weg zum Sekretariat durch den Innenhof ist beeindruckend. Im Ehrenhof schaut der steinerne Viktor Hugo streng auf die vorbeieilenden Studenten. Im riesigen Warteraum hängt eine Bildergalerie berühmt gewordener ehemaliger Studenten. Thomas von Aquin, Albertus Magnus , Marie Curie haben hier studiert, Nobelpreisträger und sogar spätere Päpste haben wie ich heute hier gestanden und sich eingeschrieben. Ich hatte mich im Hauptfach für Betriebswirtschaft und im Nebenfach für Völkerrecht entschieden. Eigentlich wäre Volkswirtschaft die logischere Ergänzung gewesen. Aber ich hatte mich in den zwei Stunden der Wartezeit um entschieden. Der Grund war rein wissenschaftlicher Natur und hieß Andrea. Sie hatte während der Wartezeit neben mir gesessen und mich davon überzeugt, daß die Chancen in einem zusammenwachsenden Europa vor allem für Völkerrechtler glänzend seien. Ich fragte mich, ob die Chancen eines angehenden Völkerrechtsstudenten bei einer bildhübschen Mitkommilitonin aus Reims ebenso glänzend wären.
Nach zwei Semestern wußte ich, daß es höchste Zeit war, mich von Frankreich und von Andrea zu verabschieden. Ihr Vater hätte mich, einen Deutschen, sowieso niemals akzeptiert oder in sein Haus eingeladen. Außerdem zog es Andrea in die USA, sie wollte unbedingt zur University Berkeley nach Kalifornien. So gingen wir friedlich auseinander, sie in die USA, ich an die Uni Freiburg im Breisgau.
Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Universität Freiburg war ein junger, hemdsärmeliger Professor, der so gar nicht dem Klischee der meist älteren, trockenen Professoren entsprach. Er ging mit den eingeschriebenen Studenten seines Kurses am Abend in eine Kneipe. War witzig, schlagfertig und gesellig, hörte zu und gab gute Ratschläge, die sich auch auf das Leben außerhalb der Uni bezogen. Sein Name war Prof. Dr. Horst Ehmke.
„Was möchten Sie mit ihrem Leben anfangen?“ fragte er mich nach dem Staatsexamen. „Mir eine Arbeit suchen, das ist das wichtigste für mich. Ich bekomme keinerlei Unterstützung.“ „Ich hätte was für Sie“ sagte er. „Sie wissen ja, daß ich mich neben meiner Lehrtätigkeit in Bonn engagiere. Hätten Sie Lust zu mir ins Kanzleramt zu kommen und im Stab von Willy Brandt mitzuarbeiten? Ich brauche noch einen Verbindungsmann zu den Industrie- und Handelskammern. Da wäre mir ein Betriebswirt, der auch noch über Auslandserfahrung verfügt, und die rechtlichen bilateralen Aspekte beurteilen kann gerade recht. Also?“
Also. Ich ging mit. An einem Dienstagmorgen saß ich zum ersten Mal mit einer Mappe, angefüllt mit Grafiken und Tabellen zur Ausfuhrstatistik in der hintersten Reihe des Kabinettsaals neben all den anderen Zuarbeitern der Ministerriege, alle mit den gleichen Mappen wie ich sie hatte und vermutlich mit genau so viel überflüssigen Ballast, mitgenommen für jede mögliche, erdenkliche Nachfrage.
Eines Tages, unvergessen, ging ich am Ende der Sitzung dem Ausgang zu, als Ehmke nach mir rief. Neben ihm, imposant, sehr groß, braungebrannt, mit einer Zigarette in der Hand kam Willy. Ehmke wandte sich ihm zu und sagte: “Willy, das ist der junge Mann, von dem ich gesprochen habe. Er könnte in der Vorbereitung auf das Gespräch mit den Franzosen in Brüssel mitarbeiten!“
Brandt sah mich mit seinen wässrig blauen Augen einen Moment an und gab mir die Hand. „Na, dann mach mal schön“ sagte er. „Ich werde mir Mühe geben, Herr Bundeskanzler“ erwiderte ich aber er hörte es nicht mehr. Er war schon wieder weitergegangen.