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Zitronenscheibe mit Pilzfrisur

Von tastifix Mittwoch 27.02.2019, 12:33

Dass ich bei dem stets nur ungelenken Versuch, einigermaßen elegant einen Barhocker zu erklimmen, den zugehörigen Bistrotisch meist gefährlich ins Wanken brachte, war ich schon gewohnt und nahm es seufzend in Kauf. Aber das Ungeschick, dass mir dann unterlief, machte mir doch sehr zu schaffen ...

Es hatte sich eine lebhafte Diskussion ergeben und ich fuchtelte wild mit den Händen in der Luft herum ungeachtet dessen, dass auf dem relativ wackligen Tisch ein paar zierliche, hochstielige Gläser standen. Klar, dass ich einer der blitzenden Kostbarkeiten denn eine mehr als schwungvolle Stielfeige verpasste, was der überhaupt nicht passte und sie dazu veranlasste, auf ihre ganz eigene Art süße Rache zu nehmen.
Mit rasantem Schwung kippte das Glas - zum Glück bereits geleert - einfach um. Jedoch, vielleicht zu zerbrechen und als Scherbenhaufen mich vor versammelter Mannschaft wegen Gläsermordes bloßzustellen, war ihm wohl zu trivial. Nein, es beherbergte ja eine dieser dekorativen Zitronenscheiben, die vielen beliebten Getränken noch den optischen Pfiff verleihen. Und die schickte es auf eine für eine solche recht ungewöhnliche Reise.

Vor den verdutzten Blicken der Umsitzenden und dem fassungslosen meinigen zischte sie, allerdings ohne Zischen, als eine grellgelbe Rakete hoch durch die Luft und malte einen leuchtend gelben Regenbogen ans Gaststättenfirmament. Danach allerdings siegte die Schwerkraft, die Zitronenscheibe knallte wie ein Stein auf den Teppichboden und grub sich tief in dessen Flor.
„Lass liegen!“, meinte jemand.
„Nein, ganz bestimmt nicht!!“, tadelte ich kopfschüttelnd.

Verstohlen nach allen Seiten schielend glitt ich so verschämt vom Hocker, machte einen angedeuteten Knicks und grub das fruchtige Etwas aus seinem Flusenversteck. Krampfhaft das glitschige Ding zwischen Daumen und Zeigefinger pressend, tauchte ich hochroten Kopfes wieder auf, erklomm den Hocker und betrachtete ratlos meinen Fang. Am Zitronenscheibenrücken pappten Flusen und das schrumpelige Fleisch zierte eine regelrechte Pilzfrisur in Anthrazit. Was tun?
Dummerweise stand auf dem Tisch kein Aschenbecher oder ähnliches. Mit dem Ausreißer dreist und zudem für alle Umsitzenden weithin sichtbar die nackte Tischplatte zu schmücken, kam für mich nicht in Frage. Aber auch nicht, das Indiz meiner Schandtat etwa vor den amüsierten Blicken aller Anwesenden wie eine Trophäe vor mich her quer durchs Lokal bis zur Bar zu tragen ... Dafür war mir das Ganze viel zu peinlich.

´Hm!`
Eine einzige Sekunde des Zögerns, dann agierte ich. Die saure Flusenschönheit plumpste ins Glas zurück und erntete prompt viel Aufmerksamkeit, zumal sie von ihrem gläsernen Heim noch zusätzlich mit einem scheinbaren, blitzenden Grinsen geschmückt wurde. Wer noch viel mehr süffisanter grinste, war mein Gegenüber:
„Ja und?“, verteidigte ich mich. „Die wird ja nicht dem nächsten Gast serviert werden!!"





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