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Zeichen der Verdammnis

Von tastifix 01.11.2020, 06:47 – geändert 01.11.2020, 07:16

Der Todestag der Eltern Mareikes liegt mittlerweile schon ein halbes Jahr zurück. Die Mutter war Alkoholikerin gewesen und der Vater hatte zur Gewalttätigkeit geneigt. Kein Tag war ohne Streitereien und Schläge vergangen, worauf die Tochter in ihrer hilflosen Wut mit sich ständig steigerndem Jähzorn reagierte.

Heute, dem Tag ihrer Hochzeit, versucht die junge Frau den Gedanke an die Verstorbenen zu verdrängen:
„Lasst mich endlich in Ruhe. Nicht mit mir!“
Nur einen Moment lang steht sie schweigend. Dann seufzt sie auf, aber es klingt keinesfalls wie ein Seufzer der Trauer. Gleich werden ihr die Brautjungfern den Schleier bringen und sie wird sich ihrem Zukünftigen und der Verwandtschaft als eine wunderschöne Braut präsentieren. In Gerd hat sie den Mann ihrer Träume gefunden.
„Mit ihm werde ich glücklich sein!“

Es klopft. Froh öffnet Mareike die Tür. Im selben Moment verdunkelt sich draußen die Sonne, der Raum liegt in einem unheimlichen, dämmrigen Licht. Mit einem Schreckenslaut weicht die junge Frau ein paar Schritte zurück.Vor ihr stehen nicht ihre Freundinnen, um ihr beim Ankleiden zu helfen, sondern eine in eine bodenlange tiefschwarze Kutte gehüllte Frau. Die schwarze Maske vor dem Gesicht gibt allein einen schmalen Schlitz für die Augen frei. In der Hand hält jene einen kostbaren strahlend weißen Brautschleier, der über und über mit winzigen Perlen bestickt ist. Sie streckt ihn der jungen Frau entgegen:
„Dies ist dein Lohn!“
Mareike blickt in leere Augenhöhlen, hört eine belegte hohle Stimme.
Die Erinnerung drückt sie nieder. Sie erbleicht.
„Neiin, das kann nicht sein. Weiche von mir!“
Vor Entsetzen schwankend starrt sie die unheimliche Gestalt an: Ja, es ist ein Geistwesen, das nun mit schneidend kalter Stimme droht:
„Sofort nimmst Du jetzt diesen Schleier!“
Mareikes Flehen ist nur noch ein Hauch:
„Hab Erbarmen!“
„Es gibt keine Gnade!!“
Der Geist murmelt ein paar Worte. Die junge Frau erstarrt und ist zu keiner Bewegung mehr fähig. Brutal wird ihr den Schleier aufs Haar gedrückt. Grelle Blitze erhellen das Zimmer, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner und die Erscheinung ist wieder verschwunden.

Ein grauenhafter Schrei lässt den Bräutigam und die Verwandtschaft, die im Festsaal auf die Braut warten, erschrocken zusammenfahren:
„W..Was war das!?? - Mareike!!“
Von Panik erfasst hetzt Gerd, gefolgt von einigen der Anwesenden, in die obere Etage zum Zimmer seiner Zukünftigen. Die Tür steht weit offen, ihm schlagen Rauchschwaden entgegen und es bietet sich ihm ein entsetzlicher Anblick: Der einst weiße Schleier tropft von Blut. Die in Dolche verwandelten Perlen bohren sich unbarmherzig tiefer und tiefer in Mareikes Schädel. Um ihren Körper züngeln Flammen, erfassen erst die Beine und fressen sich dann blitzschnell aufwärts. Schon berühren sie das vom Schmerz grässlich verzerrte Gesicht.
Derweil hallt von den Wänden das unheimliche Echo der hohlen Stimme:
„Ich bin der Geist ihrer Mutter. Damals habt ihr Euch nach der Ursache unseres Todes geforscht. Jetzt sollt Ihr es erfahren: Mareike, unsere eigene Tochter, hat uns in wahnsinnigem Hass ertränkt!“ ... Und er setzt hinzu:
„„ Mit ihrem Feuertod ist die Freveltat endlich bestraft und wir werden nun Frieden finden!“
Totenstill wird es im Raum. Die Anwesenden spüren den Odem des Verbrechens. Niemand rührt sich. Erschüttert hofft Gerd, dass sich alles als nur ein furchtbarer Albtraum erweist. Aber die Flucht vor der Wahrheit ist ihm nicht vergönnt.
„Und dieses Wesen dort habe ich so sehr geliebt. Eine Mörderin!!“
Gebrochenen Herzens muss er mitansehen, wie Mareikes Körper langsam verkohlt und zu einem kleinen Haufen Asche zerfällt.
Noch ein letztes Mal meldet sich der Geist der gequälten Verstorbenen:
„Sei verflucht in alle Ewigkeit, Mareike!!!“
Eine giftig grüne Lichtkugel umhüllt die Asche, nimmt sie mit sich und wandert für wenige Momente gleich eines Sarges des Grauens an der Zimmerdecke entlang.Währenddessen verblasst ihr Schein mehr und mehr. Schließlich verliert sie sich im allmählich zurückkehrenden Tageslicht. Draußen scheint wieder die Sonne.

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