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wo die Liebe hinfällt....

Von Feierabend-Mitglied 25.06.2023, 10:35 – geändert 25.06.2023, 10:43

Der Werner, von allen nur "Schwarzer" gerufen, obwohl die Ursache dafür schon lange grau geworden ist, ist mein ältester Kumpel. Nicht an Lebensjahren sondern an Freundschaftsjahren. Vor dreiundvierzig Jahren saßen wir gemeinsam zweimal die Woche auf einer Bank im Krankenhauspark, während unsere Ehefrauen sich in der Schwangerschaftsgymnastik abmühten. Da haben wir uns angefreundet. Später standen wir bei den Kindergartenfesten gemeinsam am Grill, unsere Jungs wurden gemeinsam eingeschult und wenn wir abends etwas vorhatten, schlief unser Junge bei Werners Jungen und umgekehrt auch. Der "Schwarze" war LKW - Fahrer und fuhr für eine große Spedition. Hauptsächlich Umzüge machte er. Und dann hatte er großes Glück. Er gewann im Lotto 500.000 DM. Er kaufte sich den neuesten MAN - LKW und machte sich selbständig. Er war sein eigener Disponent, sein eigener Fahrer, kurz gesagt, sein eigener Herr. Er stellte einen jungen Mann als Helfer ein, seine Frau erledigte alle Büroarbeiten. Mehr wollte der "Schwarze" nicht. Nicht vergrößern, keine Kredite, unabhängig bleiben. Und so schaffte er sich mit der Zeit einen kleinen Wohlstand, baute seiner Familie ein schönes Haus, war mit dem Leben rundum zufrieden. 1997 kam er Samstags abends zum Stammtisch, wo wir immer Karten spielten. Irgendwie war er anders, ernster, ruhiger. "Die Sigrid ist krank" sagte er mir auf dem Heimweg. "Die Ärzte sagen Darm - Krebs unheilbar im Endstadium! Ihr haben sie gesagt, es wäre ein Geschwür gewesen, das wird schon wieder!" Vier Monate später war die Sigrid tot. Der "schwarze" war über Nacht grau geworden, still und in sich gekehrt lebte er von nun an allein.
2004 hat sein Sohn eine Stelle in Berlin angenommen und zog dahin. Von da an war der "Schwarze" in seinem schönen Haus allein. Wir haben ihn oft Sonntags zum Essen eingeladen und er war häufig unser Gast, bis wir dann 2008, als ich Rentner wurde nach Bayern zogen. Wir hielten immer noch regen Kontakt, skypten, er besuchte uns einige Male, er schien wieder ruhiger und zufriedener zu sein. Letztes Jahr fuhr er für drei Wochen in einen Urlaub nach Teneriffa. Als er zurück kam schickt er mir nicht, entgegen bisheriger Gewohnheit eine Bilderflut, sondern gerade mal vier Stück. Landschaft und Meer, das war’s.
„War’s nicht schön?“ fragte ich ihn.
„Doch, doch“ sagte er „sehr schön!“
„Und?“
„Wie und? Nix und! schön war’s!“

Dann eben nicht, hab ich gedacht und zu meiner Frau gesagt, da stimmt was nicht. Zwei Wochen später kamen per Mail zwei Fotos. Sie zeigten eine junge Frau am Strand und auf einer Promenade. Ich hab mich verliebt! stand darunter.
Ich rief ihn an. Er war richtig euphorisch und sagte er fühle sich wie mit fünfundzwanzig Jahren. „Na Glückwunsch“, sagte ich, „wie alt ist die denn?“ „Neunundzwanzig!“ sagte er, „Stell dir das mal vor. Neunundzwanzig Jahre alt.“

„Werner“ sagte ich, „das versuche ich mit gerade vorzustellen. Du bist achtundsechzig, sie ist neunundzwanzig, wie soll denn das gehen?!“ „Du redest wie mein Sohn“, sagte er „nur kein Neid!“ Das Gespräch wurde etwas unerfreulich und Werner legt auf.
Drei Monate herrschte Funkstille. Da rief mich unvermittelt Werners Sohn an.
„Papa ist verrückt geworden“ sagte er. „Er hat den LKW verkauft , weil seine „Braut“ ihre Eltern im Kosovo unterstützen muß, die hätten im Krieg Haus und Hof verloren. Jetzt hat sie in eine Heirat eingewilligt aber nur, wenn Papa vorher die Hälfe des Hauses im Grundbuch auf sie überträgt. Und er läßt nicht mit sich reden. Er will das machen!“
Ich war fassungslos. Werner, dieser immer so rationale, vernünftige Mann, das konnte doch nicht wahr sein. Ich setzte mich ins Auto und fuhr zu ihm. Nach drei Tagen hatte ich herausgefunden, daß er ihr bis dahin 74.000 Euro gegeben hatte. „Ist sie das wert?“ fragte ich ihn. „Wo ist sie denn?“ „Bei den Eltern“ „Warst du auch schon mal da? Kennst du die?“ „Nein!“ Zwei Tage später hatte ich ihn soweit überredet, daß es auf weitere 5.000 Euro nicht mehr ankäme und er beauftragte eine internationale Detektei, herauszufinden, was es mit seiner großen Liebe auf sich hat. Einen Monat später hatte er die Antwort.
„Seine“ Selveta war sechsunddreißig Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei kleinen Töchtern.
Die 74.000 Euro hat der "Schwarze" abgeschrieben. Sie stecken in einem schicken kleinen Haus im Kosovo. "Ich kann doch zwei kleinen Mädchen nicht das Dach überm Kopf wegnehmen!" sagte er. Und da war er wieder, mein lieber alter Freund. Mit großem Herzen und einer Alterserfahrung, die er sich besser erspart hätte. Aber, wo die Liebe hinfällt....

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