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Warum ich traurig bin

Von Nede 23.08.2020, 11:51

Am Freitag Morgen dachte ich noch: „Wahnsinn! Morgen sehe ich meinen Freund wieder! Nach zwei Monaten! Endlich Urlaub!“ soviel Glück war deswegen in mir. Ich hab mich auf die Arbeit an sich gefreut; darauf, zwei Menschen mitzuteilen, dass ich den großen Käfer bestimmt habe, der gestern am Briefkasten rumgekrabbelt ist. Es sollte. heiß aber windig sein und ich hatte morgens noch gekocht für meine Pause. Letzter Tag vor dem Urlaub. Perfekt! Sommer! Alle sind happy.
Und dann steige ich vom Rad ab. Einige Kollegen sind schon da und warten, bis die Stempeluhr umspringt, dass man die Halle betreten kann. Ein Kollege kommt auf mich zu. „ Komm kurz.“ „Klar, was denn?“ wir stellen uns abseits. „Alex* hat Krebs. Bösartig. Er hat mich heute Morgen angerufen. Dienstag würde sein Vertrag verlängert werden, er kommt dann her, um sich zu verabschieden. Arbeiten kann er jetzt eh nicht mehr, er lässt den Vertrag auslaufen.“

Meine Augen füllen sich mit Tränen. Jetzt gerade schon wieder beim schreiben. Ich sag zu meinem Kollegen: „Wie kann ein einzelner Mensch so viel Pech haben? Wie? Warum?“ und dann weine ich ein bisschen.

Alex hat vor zwei Jahren bei uns angefangen. Ende Vierzig. Etwas verpeilt. Manchmal nervig. Aber ich habe sofort einen Draht zu ihm und mag ihn. Nachdem er drei Wochen bei uns gearbeitet hat, wird bei seiner Frau eine Krankheit diagnostiziert. Ihr Bein wird amputiert. Andere Krankheiten werden festgestellt. Krankenhaus und Reha wechseln sich ab. Alex baut die Wohnung um. Seine Frau ist ständig im Krankenhaus. Er bangt. Manchmal ruft er mich betrunken an und erzählt von seinem Leid und seinen Sorgen. Manchmal kommt er mit Fahne zur Arbeit. Ich hab ihn oft beiseite genommen: „Ey! So geht das nicht! Du bist deinen Job los, wenn du betrunken zur Arbeit kommst und xy das merkt!“ „Ich bin nicht betrunken.“ „Du hast eine Fahne!“ „Ich bin nüchtern!“ - ich weiß nicht, ob er ein Spiegeltrinker ist bzw. war, denn er wirkte tatsächlich immer nüchtern. Ich hab’s ihm gesagt. Dass er auf sich aufpassen soll. Dass er verdammt noch mal nüchtern sein soll. Dass wir ihn alle schätzen und mögen und er sich seine Zukunft nicht verbauen soll. Er ist befristet. Ende August 2020 winkt die Festanstellung. Kranke Frau zuhause. Verzweiflung. Der Job und wir haben ihm Halt gegeben. Er hat gesagt, dass er alles vergisst, wenn er mit dem Postrad losfährt und Briefe verteilt. Dann geht es ihm gut. Dann rattern die Gedanken nicht, wie es in der Zukunft aussieht.

Vor zwei Monaten sagte er mir: „Hey Nane. Ich hab jetzt Urlaub. Ich durfte ihn vorverlegen. Meine Frau…. Liegt im Sterben.“ seine Augen glitzern, die Stimme bricht. Ich umarme ihn und bin sprachlos. „Pass auf dich auf, Alex! Versprich mir das!“ er verspricht es. Dann erzählt er, dass seine Frau seit Tagen im Krankenhaus ist. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Tage. Er versucht sich zusammenzureißen. Er versucht es seit zwei Jahren. Er erträgt und erträgt und erträgt und hat so schmale Schultern, die diese Last gar nicht tragen können.

Und nun: er. Krebs. Bösartig. Selten. Er ruft morgens um fünf meinen Kollegen an und erzählt es ihm weinend und betrunken. Alles geht den Bach runter. Bei ihm wird alles scheinbar schlimmer und schlimmer.

Ich bin so erschüttert und traurig und statt nun fröhlich pfeifend meine Tasche zu packen, schreibe ich mir dies von der Seele und denke an das schwierige Leben meines Kollegen Alex. Er ist manchmal verpeilt. Und innerlich zerstört. Er hat sich aufgeopfert für seine Frau. Hat auch erzählt, wie hart alles für ihn war. Wie depressiv seine Frau nach der Amputation wurde. Wieviel Selbstmitleid sie empfunden hat und was für ein Kampf es war, sie wieder in die richtige Spur zu bringen. Er war ausgepowert, Tag und Nacht. Er ist 49 Jahre alt. Und war mit 47 Jahren das erste Mal im Berufsleben glücklich. Bei uns. Quereinsteiger bei der Post. Er war einer von uns und mit uns und ich bin grad so hilflos, weil ich nicht weiß, was ich machen kann. Ich vermisse ihn. Jetzt. Weil er nicht zurück zur Arbeit kommt. Mit seinem blöden Borussia-Dortmund-Käppi. Nie mehr. Und ich hab Angst, dass er jetzt völlig absackt und sich dem Alkohol zuwendet. Dadurch vielleicht die Behandlung verpennt oder nicht gut mitmacht. Dass er stirbt. Ausgelöscht, einfach so. Dass er nun mit dem Tod, dem eigenen Tod vor Augen leben muss, obwohl er noch nicht mal den Tod seiner Frau verarbeitet hat. Mit Herzschmerz und Angst und Unglück leben. Als hätte er es bisher nicht schwer genug gehabt.

Ich weiß auch nicht. Es nimmt mich sehr mit. Und es tut gut, darüber zu schreiben. Ich will keinen Rat und keine Tipps, ich will mich nur ausheulen. Und er will auch keinen Rat und keine Tipps, er will doch einfach nur ein gutes, arbeitsames, glückliches und gesundes Leben voll mit Liebe, das ihm seit Jahren verwehrt ist. Durch Umstände. Universum! Echt. Guck nicht bloß auf uns runter, sondern mach verdammt noch mal was!

Ich packe jetzt. Meine Reisetasche. Und ihn packe ich als Gedanken mit hinein. Und dann schreibe ich ihm einen Brief, wenn ich in Salzburg bin. Ich weiß seine Adresse nicht, aber mein Arbeitgeber weiß sie und wird es weiterleiten. Und ich werde ihm viel schreiben. Keine Ratschläge, keinen Scheiss. Nein. Ich werde ihm sagen, dass ich jederzeit ein Ohr für ihn habe. Dass wir alle zusammen kollegial in ihn „verliebt“ sind und er zwar ein scheiß Borussia-Dortmund-Käppi hat, aber trotzdem immer vorbeikommen kann, wenn er reden oder von uns allen umarmt werden möchte. Ich begleite ihn zu Terminen, wenn es zeitlich passt. All das schreibe ich. Und noch mehr.

Es ist nur ein Tropfen im Ozean. Nur eine Träne von mir. Ich bin kein Arzt. Ich bin nichts. Aber wenigstens möchte ich da sein! Weil ich nicht aushalte, dass da jemand, den ich kenne und schätze und mag: nun ganz alleine ist.

Danke fürs lesen.

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