War es wirklich nur ein Traum?
Von
tastifix
Montag 11.11.2019, 14:00 – geändert Montag 11.11.2019, 18:47
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tastifix
Montag 11.11.2019, 14:00 – geändert Montag 11.11.2019, 18:47
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Erschöpft fiel ich abends ins Bett. Mir blieb nicht mal Zeit, die Ereignisse des Tages Revue passieren zu lassen, sondern ich schlief sofort ein ...
Mitten in der Nacht zupfte jemand wie ungeduldig am Ärmel meines Nachthemdes. Verwirrt setzte ich mich auf. Vielleicht, dass eine meiner Töchter ... ?
„Wie, ist es denn schon Morgen?“
Ich blinzelte in die vermeintliche Dunkelheit und erschrak. Es war taghell in meinem Zimmer und im Hintergrund hörte ich Musik.
„Steh auf und zieh dies hier an!“
Jener Jemand dort vor meinem Bett sah mich liebevoll an.
„Keine Angst! Ich bin Gabriel, dein Schutzengel und soll dich abholen!“
„Ja, aber ... wohin denn nur?“, stammelte ich völlig durcheinander.
„Frage nicht und folge mir einfach!“
Gabriel hielt mir ein bodenlanges, champagnerfarbenes Kleid entgegen.
´Bestimmt reiner Seide!`
Ohne weiter darüber nachzudenken, warum, wieso und weshalb schlüpfte ich hinein. Es passte wie für mich genäht und ich fühlte mich wie eine Prinzessin. Der Engel öffnete das Dachfenster und ergriff meine Hand.
„Nur Mut!“
Wir schwebten nach draußen und höher in den nachtblauen Himmel hinauf. Das Licht der kleinen und großen Sterne leuchtete uns den Weg, die Musik begleitete uns und verzauberte mein Herz. Ich empfand ich die Freude eines Kindes, dem eine Überraschung bereitet worden war ...
„Na, aufgeregt?“, fragte Gabriel lächelnd.
„Z..ziemlich! Schließlich fliege ich nicht jede Nacht hier rum!“
Was hätte ich auch sonst antworten sollen.
„Genieße es!“
Und geheimnisvoll setzte er hinzu:
„Es ist deine Nacht!“
Da die Stirne zu runzeln, wäre mehr als unhöflich und zudem beinahe ebenso unpassend gewesen. Dagegen beobachtete ich meinen Schutzengel aufmerksam.
„Nicht, dass ich mich beim Fliegen noch blamiere!“
Gabriels Miene nach zu urteilen, war anscheinend alles in bester Ordnung.
Um eine möglichst gute Flughaltung bemüht, breitete ich die Arme zur Seite aus und hielt die Beine völlig still. Ich fühlte mich federleicht und es strengte kein bisschen an. Weiter schwebten wir an Monden und Sonnen vorbei. Die Sonnen grüßten mit einem Leuchten und die Monde schenkten einen sanften Lichtstrahl dazu. Nichts störte die wunderbare Stille. Überall herrschte tiefer Frieden.
„Gleich sind wir da!“, kündigte Gabriel strahlend an.
Bald erspähte ich in der Ferne ein weißes Gebäude. Als wir es erreichten, durfte ich ein herrliches Schloss bewundern.
„Oooh!“
Auf einmal formten sich viele weiße Wolkentreppenstufen, die hinauf führten zu einem geschwungenen Portal. Es glitt vor uns auseinander und wir standen in einem prächtigen Saal. An den Wänden hingen Kerzenhalter mit roten Kerzen, die leicht vor sich hin flackerten. Zwischen ihnen wuchsen in goldenen Gefäßen die schönsten Pflanzen, die ich je gesehen hatte. Ihre riesigen Blüten in allen nur vorstellbaren Farben dufteten wunderbar wie das edelste Parfum, das wir auf Erden besitzen. Ringsum standen weiße Sofas mit verschnörkelten Rücken- und Armlehnen und davor grazile weiße Tische.
„Wo sind wir hier?“, fragte ich Gabriel.
„Im Schloss der Engel. Hier bin ich zu hause.“
„Ach bitte, zeigst du mir alles? Und werd ich auch andere Engel kennen lernen??“
Er nickte.
„Zuerst besuchen wir die Nachwuchsengel und dann mache ich dich mit den anderen erwachsenen Engeln bekannt. - Hm, sie kennen dich selbstverständlich, aber du sie ja nicht alle, oder?“
Ich schüttelte den Kopf.
´Na ja, in den Religionsstunden hab ich meist unterm Pult Mickymaushefte gelesen! - Gut nur, dass Gabriel jetzt nicht weiter nachfragt!`
Wir betraten ein riesiges Kinderzimmer. Dessen Wände waren ebenfalls blütenweiß. Auf den Fensterbänken rankten weiße und rote Rosen, in den Gängen lagen Teppiche aus Blütenblättern. Die Jungengel sahen reizend aus. Unter einer blonden Lockenpracht strahlten mir blitzblaue Augen entgegen. Vor ihren weißen und roten Kleidern trugen sie weiße Schürzen. Die Kleinen bestürmten mich mit Fragen.
„Wie ist es dort unten auf der Erde? Was spielen eure Kinder denn so den ganzen Tag?“
Ich erzählte und erzählte. Ab und zu unterbrach mich einer der kleinen Engel.
„Die sind genauso neugierig wie unsere Kinder!`, dachte ich.
Als ich alles beantwortet hatten, schlug ein Engelchen vor:
„Komm, ich möchte Dir was zeigen!"
Es zog mich zu einem Schrank und öffnete ihn.
„Sieh mal, dies basteln wir alles selber. Wir malen Weihnachtskarten, basteln hübsche Adventskalender, werkeln Tannenbaumkugeln und schnitzen Holzengel und Tiere für die Weihnachtskrippen. Dabei helfen uns die Großen allerdings. Das ist nämlich sehr schwierig.“
Ich staunte.
´Wie viel Mühe sie sich dabei gegeben haben!`
Die Holzengel trugen bunte Gewänder mit zarten Mustern, den Eseln und Ochsen hatten sie ein braun-weiß geschecktes Fell aufgemalt und die Kugeln glänzten in kräftigen Farben.
Dann schwebten wir ins nächste Zimmer. In der Mitte des Raumes standen Instrumentenständer, die aussahen wie riesige Noten. Jeder von ihnen war mit einer Ablage für eine der Geigen versehen, die längs der Wände aufgestellt waren. Mit vor Stolz geröteten Pausbacken griffen sich die Kleinen ihre Geigen und spielten mir eine liebliche Melodie vor. Ergriffen lauschte ich und hätte stundenlang zuhören können.
Noch während ich verzückt zuhörte, verschwand dieses Zimmer und mit ihm die Engel allmählich in einem diffusen Nebel. Ich wollte noch rufen ´Bitte, bleibt!`, doch ich war allein und fand mich auf einer strahlend weißen Wolke wieder, gewandet in eines der leuchtenden Engelsgewänder, die ich vordem so sehr bewundert hatte. Neben mir stand erneut Engel Gabriel und breitete schützend seine Flügel aus.
„Ich verstehe nicht ...“
„Du musst nichts verstehen. Genieße es einfach!“
Er führte mich vor einen golden umrahmten Spiegel. Überrascht betrachtete ich mich.
„Ich bin ja ... Aber wie das?“
„Du bist ein guter Mensch. Dies ist Deine Belohnung. Du sollst Seligkeit erfahren und als einer von uns Gott sehen dürfen.“
Mit Gabriel an meiner Seite schwebte ich durch die prächtigen Säle des Schlosses. Die Türen öffneten sich lautlos und genauso schlossen sie sich hinter uns wieder. Bald wurde es dermaßen gleißend hell, wie ich es auf Erden niemals gesehen hatte. Gabriel blieb vor einem goldenen Tor stehen, half mir beim Zusammenfalten meiner Flügel und sprach ein kurzes Gebet. Da glitten die Torhälften auseinander und gaben den Blick frei auf einen Saal, dessen Schönheit mich völlig gefangen nahm. Die Wände waren mit Mosaiken geschmückt, die vom Leben Jesu auf Erden erzählten. Ringsum reihten sich Stühle mit hohen Lehnen aneinander.
„Dort sitzen wir Erzengel!“, erklärte Gabriel.
An der Kopfseite des Raumes stand der rubinrote Thronsessel des Herrn. Da erklang eine überirdisch feierliche Musik und Gabriel und ich sanken auf die Knie. Vor uns in einem Strahlenkranz erschien Gott der Herr. In der linken Hand flackerte eine rote Kerze, das Symbol für den Frieden und die Liebe. Mit seiner rechten Hand segnete er mich. Dann sprach er:
„Nimm dieses Licht und bring es den Menschen, damit es ihnen Freude und auch Trost in ihrem Leben schenke!“
Mit zitternden Fingern umschloss ich jenes Licht. Ich wollte etwas sagen, ihm danken, doch ich brachte kein Wort über die Lippen. Fürsorglich legte Erzengel Gabriel seine Flügel um mich. Ich empfand ein nie gekanntes Glück und schloss verzückt die Augen.
Als ich sie wieder öffnete, war das Schloss der Engel verschwunden und mit ihm auch Engel Gabriel. Ich lag daheim in meinem Bett und dachte, alles wäre ja doch nur ein Traum gewesen. Doch auf meinem Nachttisch leuchtete jene Kerze mit ihrem goldgelben Schein.