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Von Glauben und Aberglauben.

Von Feierabend-Mitglied Samstag 17.10.2020, 05:02

Von Glauben und Aberglauben.

In meiner Kindheit gab es in der Vorweihnachtszeit Rituale, an
die ich zurückdenke und die man heutzutage nicht mehr zu kennen
scheint. Zu der entscheidenden Existenzsicherung der Berg- und
Hüttenarbeiter des Saarlandes im ländlichen Raum gehörte die
Nebenerwerbslandwirtschaft. Da waren die „Geißen", die mit
ihrer Ziegenmilch mithalfen die Kinder zu ernähren. Die Kühe,
die Schweine und Hühner und Karnickel waren die Lieferanten
für Milch, Butter, Eier und den Sonntagsbraten. Und darum
wurden die Tiere gehegt und gepflegt. So war es auch bei uns
zuhause.
Und in der Vorweihnachtszeit hatten wir Kinder besondere
Aufgaben. In der Futterküche, wo das Viehfutter zubereitet
wurde, stand ein großer Häcksler. Zweimal in der Woche haben
wir auf die Erde gefallene Äpfel, die beschädigt oder angefault
waren, zusammen mit Zuckerrüben kleingehäckselt. Auf einen
Eimer dieser Häckselmischung wurden drei Schaufeln
Getreideschrot und eine Schaufel im Wald gesammelter Bucheckern geschüttet und das war ein Festmahl für die
Schweine. Bis Heiligabend wurden alle Äpfel und Birnen, die
nicht selbst verbraucht werden konnten, so verfüttert.

Immer vor dem 1. Advent wurden Stall, Futterküche und Scheune
gekalkt. Zu Weihnachten sollte alles schön sein. Wenn zu
Weihnachten alles neu gestrichen war, sollte das im neuen Jahr
Glück für alle Tiere des Stalles bringen. Natürlich war der
Hauptgrund für die Maßnahme, daß die Räume durch den Kalk
desinfiziert wurden. Wir Kinder bekamen aus Zeitungspapier
gefaltete Hüte auf den Kopf und halfen beim „Weißeln" kräftig
mit.
Vor der Christmette wurde vor der Stalltüre eine Ladung Heu
abgelegt. Wir Kinder hatten aus Weidenzweigen kleine Kreuze
gebastelt. Die legt der Großvater in einen Korb und wir gingen
mit ihm nach der Mette die gesegneten „Kreuze stecken". An
den Ecken aller unsere Felder wurde ein Kreuz gesteckt und für
eine gute Ernte im nächsten Jahr gebetet. Kamen wir danach
nach Hause, wurde das Heu mit Weihwasser aus der Mette
besprenkelt und an die Ziegen und Kühe verfüttert. Das sollte
sie gesund durch den Winter bringen.

In der Heiligen Nacht bekamen alle Tiere eine „Extraportion"
Futter. Sie sollten teilhaben an der Freude des
Weihnachtsfestes. Wo eine gute Ernte und die Gesundheit der
Tiere im wahrsten Wortsinn überlebenswichtig für die Menschen
war, da lebte auch der Glaube an die Wunderwirksamkeit aller
guten Taten für Feld und Flur und die Tiere im Stall. Die
Achtung der Natur und die Fürsorge für Feld und Tiere war
ökologisches Handeln, bevor man den Namen dafür kannte.

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