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Unverhoffter Besuch

Von Feierabend-Mitglied Freitag 23.11.2018, 12:53

Tante Anna sitzt auf dem Sofa und liest ein Buch. Bis zu ihrer Lieblingssendung im Fernsehen ist noch 1 Stunde Zeit, sodass sie sich erneut das Buch von Arno Geiger "Der alte König in seinem Exil" vor holt.

Geiger erzählt in dem Buch von seinem an Alzheimer erkrankten Vater, dem die Erinnerung langsam abhandenkommt, dessen Orientierung sich in der Gegenwart auflöst.
Ein Thema, mit dem sie sich in letzter Zeit immer öfter beschäftigt, vergisst sie doch einiges, verlegt Gegenstände, die irgendwo landen und erst viel später an einem untypischen Platz gefunden werden. Ihre Vergesslichkeit bereitet ihr immer größere Sorgen, hat sie doch als kinderlose, alleinstehende Frau keine direkten Nachkommen, die sich um sie kümmer könnten.

Es ist etwas kühl geworden. Die grau-karierte Decke über die Knie gezogen, beginnt sie, im Buch zu lesen, bleibt immer wieder gedankenverloren an manchen Passagen hängen, als es plötzlich klingelte. Etwas verwundert schaut sie auf die Uhr. Wer mag das sein?

Ihre Pantoffeln liegen etwas verstreut vor ihr, und so schnell ist sie mit ihren 83 Jahren auch nicht mehr.

Es klingelt ein 2. Mal. "Ja, ich komm schon", murmelt sie vor sich hin.

An der Tür angekommen, öffnet sie, allerdings nur einen Spalt. Eine Kette verhindert ein schnelles Eintreten. Man kann ja nie wissen...

"Hallo Tante", hört sie eine bekannte Stimme rufen.

"Philipp, mein Junge. Wie schön, dich zu sehen. Komm rein. Ich freue mich ja so. Groß bist du geworden". "Tante, ich bin 27".

"Leider hab ich nichts im Haus, was ich dir anbieten kann".

"Mach dir keine Umstände. Ich hab eine Neuigkeit für dich".

"Da bin ich aber gespannt. Wenn du was zum trinken möchtest, ich kann dir nur Wasser anbieten. Das steht in der Küche rechts neben dem Kühlschrank".

Während Philipp in die Küche geht, kommt sie wieder ins Schwärmen. Der Junge sah schon als Kind mit seinen großen, dunklen Augen und seinen schwarzen Locken hübsch aus, den sie gern geknuddelt hatte. Das mochte er aber nicht. Auch wenn sie ihm zum Abschied einen Schmatzer auf die Wange drückte, wischte er mit dem Handrücken darüber.

Philipp kommt aus der Küche mit 1 Flasche Wasser und 2 Gläsern.

"Nun bin ich aber neugierig, was du zu berichten hast", sagt Tant Anna.

"Ich heirate im September und möchte dich zur Hochzeit einladen".

"Wie schön! Warum hast du die Braut nicht gleich mitgebracht"? ruft freudvoll die Tante.

"Tantchen, die Braut ist ein Bräutigam, mein langjähriger Studienkollege. Wir lieben uns und möchten für immer zusammen bleiben".

Die Tante weiß im Moment nicht, was sie sagen soll. Ihr kommt nur ein: "Aber warum?" in den Sinn.

"Ganz einfach. Es gibt auf der ganzen Welt keinen anderen Menschen, mit dem ich mir vorstellen könnte, glücklich zu sein".

Tanta Anna holt tief Luft. "Das muss ich erst verdauen".

Nach kurzer Verschnaufpause sagt sie."Wann soll die Hochzeit sein?"

"Am 8. September. Du bekommst noch eine schriftlich Einladung. Aber jetzt muss ich weg. Mein Zug fährt heute Abend noch nach Speyer, wo mein Zukünftiger wohnt und wo wir beide noch im letzten Studienjahr bleiben".

"Auf Wiedersehen, Tantchen".

"Auf Wiedersehen". Den Schmatzer, den sie sich nicht verkneifen kann, wischt er dieses Mal nicht ab.

Anna achleppt sich zurück auf´s Sofa, wo das Buch immer noch aufgeschlagen liegt. Aber zum lesen ist ihr jetzt nicht zumute.

"Nein, der Junge". Noch ein Seufzer, bevor sie sich wieder fängt. "Hauptsache ist doch, dass er glücklich wird".

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