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Ungeduld

Von optik 24.12.2023, 13:56

Es war Heiligabend. In der Kirche war es schummrig und still. Der große Weihnachtsbaum strahlte in vollem Glanze. Eine schläfrige Stimmung schien sich auszubreiten. In Gedanken verloren, schon etwas unaufmerksam warteten wohl alle auf die ersten Worte des Pfarrers, der langsam und bedächtig über die Stufen in die kleine überdachte Kanzel trat.
Über den Brillenrand schweiften seine Blicke zu den Schäfchen, die voller Erwartung der Weihnachtsandacht entgegen sahen. Räuspernd ordnete er langwierig Bibel und Schriftstücke auf seinem Pult.
Ein kleiner Junge auf dem Schoß seiner Mutter sitzend begann unruhig zu werden. In dieser Stille zu verharren dauerte ihm wohl schon zu lange.
Mit seinen kleinen Händchen versuchte er den Kopf der Mutter zu sich zu ziehen, weil er ihr, wie es schien, unbedingt etwas ins Ohr flüstern wollte. Doch die Mutter blickte teilnahmslos und unaufmerksam und ließ keine Rettung in ihren Gesichtszügen erkennen. Mit energisch, lauten Worten: „Wann fängt der denn endlich an, der ist doch schon lange genug in seiner Höhle“…. machte der kleine Junge auf sich aufmerksam. Ein freudiges Raunen ging durch das Kirchenschiff. Die Mutter schreckte aus ihren Gedanken auf, sah in das Gesicht ihres kleinen Sohnes und musste liebevoll schmunzeln. Verständnisvoll lächelten die zahlreichen Gottesdienstbesucher. Sie waren alle plötzlich hellwach und amüsierten sich über die unbefangenen Äußerungen des kleinen Kindes. Selbst den Pfarrer hatten wohl die lauten Worte des Jungen aufgeschreckt. Für eine gewisse Zeit begann er sich in seinem suchenden Handeln zu beeilen und mit verklärter Miene hob er die Arme wie zum Segen und begann mit seiner Predigt.
Für eine gewisse Zeit wurde die Stimmung im Gotteshaus dem Heiligen Abend gerecht. Voller Hingabe hörte die Gemeinde den Worten des Pfarrers zu und auch der kleine Junge schien förmlich an den Lippen des Gottesmannes zu hängen, bis…! Bis ja … und man spürte es regelrecht.
Etwas schien dem Kind innerhalb des Wortlautes im weihnachtlichen Predigttext nicht zu gefallen. Er rutschte erneut unruhig auf dem Schoß der Mutter hin und her und als die Weihnachtsgeschichte an die Stelle kam, in der es heißt – dass die Botschaft vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt gezählt werden soll, sprang er mit einem Satz vom Schoß. Er drückte seinen Rücken stramm und gerade durch, um in seiner Gestalt größer in der Kirchenbank zu erscheinen.
Es ging derweil weiter im Text der Predigt, doch man spürte regelrecht wie es im Kopf des Kindes arbeitete. Endgültig zu viel wurde es für den kleinen Knirps als der Pfarrer predigte… „da machten sich auch auf, Josef aus Galiläa …!“
Empört und gänzlich verärgert schrie er laut und regelrecht erbost dem Pfarrer entgegen, „das stimmt ja gar nicht! Auguste ist meine Oma und die ist zuhause und kocht jetzt für uns und Josef ist mein Opa und der sitzt dahinten“. Bei seinen letzten Worten drehte er sich um und zeigte voller Stolz auf einen älteren Herrn in eine der hinteren Kirchenbänke.

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