Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

6 5

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber ...

Von tastifix Dienstag 07.08.2018, 13:42

Schon seit Stunden trabten wir durch die preisgünstigeren sowie auch die teuren Geschäfte - nichts. Keines von ihnen führte einen Wintermantel in Größe 34/36 und meinen heimlichen Wunsch nach einem beigen Kamelhaar-Exemplar musste ich vergessen. Entweder zeigten die sich im fahlen Grau-beige oder ich passte gut und gerne zweimal hinein. Die Mäntel schlabberten um mich herum sowie an mir herunter, reichten, obwohl angeblich Kurzmäntel, fast bis zum Boden und außerdem suchte ich irritiert in den Ärmelmonstern nach meinen Händen. Weil ich sie immerhin noch fühlte, hatte ich sie jedenfalls nicht etwa statt eines anprobierten und für unmöglich erachteten Wärmespenders an dessen Bügel gehängt. Ich fand sie schließlich in Höhe des Mantel-Ellenbogens, was mich einerseits sehr beruhigte und andererseits in schier maßloses verzweifeltes Meckern ausbrechen ließ:
„Siehste, schon wieder nichts! Ich seh aus wie ein Sack mit Beinen dran!“
„Ärmel kann man kürzen!“
„Willste den etwa ganz abtrennen? Ich hab keine Lust mehr. Wenn doch mur mein dreißig Jahre alter Kamelhaarmantel den Motten nicht vor kurzem so gut geschmeckt hätte ...“

So oder ähnlich geistvoll verliefen unsere Diskussionen während der vier Mantelsuchstunden. Inzwischen heulte ich fast vor Frust:
„Ich will abaa auch einen!!“
Und dann:
„Los, wir marschieren jetzt noch zu ´Fünfzehnter & dritter Buchstabe des Abc`!“
Es erwies sich als die klügste Entscheidung des Tages. Ich erspähte zwar pompöse Mäntel mit Riesenkragen und Knöpfen, fast so groß wie Untertassen und zudem noch scheußlich gestylt, aber zwischen denen hingen, oh Wunder, auch völlig anders ausgefallene Gesellen. Zeitlos schlicht und schmal geschnitten präsentierten sie sich und besaßen auch nur Miniknöpfe.
„Endlich!!“
Für die Ungetümer bis zur Größe 50 verlangte dieses ums Wohl der Kunden wirklich ungemein bemühte Geschäft denn nur 900 Euros. Wenigstens hatte es offensichtlich Hemmungen, für die schlanken, zeitlosen Minianfertigungen einen ebensolchen Preis zu fordern und beschied sich denn mit Beträgen so um die 500 Euro. Ich griff mir ein solches Exemplar und überprüfte mein Outfit im Spiegel. Der Cashmere -Mantel passte wie angegossen, die Hände brauchte ich auch nicht zu suchen und überhaupt gefiel er mir ausgesprochen gut. Zudem brauchten die Ärmel nur um einen einzigen Zentimeter gekürzt werden.
„Na ja, bei dem Preis kommt es auf dreizehn Euro nicht mehr an!“
Ich strahlte.
„Den trage ich bis an mein Lebensende!“
Gerade, als ich dort so vornehm dezent-elegant gekleidet stand, schritten zwei Damen an uns vorüber. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf:
„Neee, nüüch??“
Etwas Vergleichbares war mir noch nie über den Weg gelaufen. Geschmack ist nun mal Ansichtssache und wird von den Modedesignern fleißig manipuliert. Am liebsten entwerfen sie umwerfend Verrücktes, weil sie das dann zu Fantasiepreisen verkaufen können. Falls Frau denn doch nicht völlig durchgeknallt ist, trägt sie es ausschließlich als fantastisches Karnevalskostüm auf der Kö spazieren. Ich habe nichts gegen die extravaganten Modeeinfälle, erst recht nicht gegen leuchtende Farben. Es kommt meiner Meinung nach allein darauf an, wie leuchtend sie sind und in welchem Schnickschnackkleid sie dem Käufer dann heimleuchten.
„Hiilfe, oh mein Gott!“
Verständlicherweise guckte der rigoros weg. Im Himmel herrschen ´Blau`, ´Rot` und die Nichtfarbe ´Weiß` vor.
Es handelte sich um zwei Damen gehobenen Alters mit einem dazu völlig unpassenden Kleidungsstil. Der war nämlich alles andere als altbacken. Die Eine hatte wohl nicht so viel Mut besessen wie die Andere. Die Andere war es wirklich wert, angestaunt beziehungsweise eher angestarrt zu werden. Das leicht gelockte Haar in gefärbtem Hochglanzsilber fiel ihr weit über die Schulter. Im stark gerunzelten Gesicht dagegen trug sie alles andere als einen natürlichen Teint. Stattdessen erinnerte er mich an die Farbe verkohlter Bratkartoffeln. Die Lippen waren grellrot geschminkt, passend zur Handtasche, die mir als lederner Affenpopo entgegen blitzte. Madame trug ein Shirt, orange wie die Tupfen eines Kois, darüber einen Blazer, schreiend grün wie ein Frosch und dazu eine Hose, quittegelb wie ein Kanarienvogel. Wie die Schuhe dieses Paradiesvogels aussahen, übersah ich vor Staunen völlig.
„Mut hat sie ja ... !`, dachte ich noch.






Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber ...