Über den Wolken
Von ehemaliges Mitglied Samstag 05.05.2018, 12:04
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Über den Wolken
Damals, in jenen längst vergangenen Tagen, wenn das Sommerhitzeflimmern sich langsam verlor und der Herbstnebel über dem Fluss in die Weinberge hinauf zog, erwarteten die Weinbauern das „Fahrende Volk“ . Sie kamen mit ihren geschmückten Wagen aus dem Osten und lagerten sich hinter den Dorfmauern. Während die Erwachsenen mit ihren buntbemalten Bütten in die Lese zogen, kletterten die Kinder in die großen Fässer und schlugen den Weinstein aus, den die Winzer den Bäckern verkauften, die ihn als Backhefe sehr gut bezahlten.
Damals, in jenen längst vergangenen Tagen, hatte der älteste Sohn vom kleinsten Weinberg über dem Fluss auf der anderen Elbseite in den Wiesen gelegen, seine kleine Schafherde um sich, und den Schiffsverkehr beobachtet, der von Tschechien herunter kam und Richtung Norden zog. Auch die Schiffe elbaufwärts dampften an ihm vorbei und in seinen halbwachen Träumen vermischten sich die Himmelswolken mit ihren Spiegelbildern auf den glatten Wassern des Flusses, wenn die wellenschlagenden Schiffe vorbeigezogen waren und das träge dahinziehende Wasser wieder sanft in sich ruhte.
Als ihm das erste Mal dieser beginnende Nebelaufstieg vom Fluss hinauf begegnet war und die Bläue des Himmels über dem weißen Nebel zu verschwimmen begann, fühlte er den Herbst auf seiner Haut. Er spürte ihn, er roch ihn, er hörte ihn regelrecht und zählte von da an die Tage, bis die bunten Wagen oben entlang zogen und sich im Schatten der Mauern zur Ruhe setzten.
Das Fahrende Volk. Die bunten Gewänder, die schwingenden Röcke, die Geigen- und Flötenmusik, die tanzenden nackten Füße der Mädchen mit den klingenden Glöckchen an den Fussfesseln und das wilde Geschrei über den Lagerplätzen und den lodernden Feuern bis in die Nacht.
In den Dörfern kannte man den verträumten Jungen mit der Hasenscharte. Die Kinder schrien spottend hinter ihm her und die Erwachsenen lachten.
Lange hatte Johannes mit seinem entstellten Mund gelebt und sich nicht gewehrt. Er, der Außenseiter. Manchmal hatte er am Flusse gesessen und gewartet, dass eines der Schiffe ihn mitnehmen würde in diese andere Welt, wo Wasser und Himmel eins waren und sich um ihn schließen würden.
Bis zu dem längst vergangenem Tag, damals, als er den Herbst kommen sah und das Fahrende Volk
Wenn Johannes die Schafe für die Nacht eingepfercht, mit dem Kahn den Fluss überquert und im Weinberg hinauf gestiegen war, empfing ihn die Mutter mit dem Abendbrotpaket, strich ihm durch sein langes Haar und schloss hinter ihm das Haus. Die Gartenpforte war offen und als er auf den Rastplatz trat, hing sich Mira an seinen Hals. Sie zogen sich aus dem Feuerschein der Tanzenden zurück und gingen in die Wiesen hinaus, in das abendliche Leuchten unter dem Sternenhimmel, das ihnen allein zugehören schien, und sie hinauf versetzte, über das Treiben im Dorf, über die Nebel der Nacht, über die von Neid und Missgunst getriebenen Leute mit ihrem Hass auf das Andere, das Ungängige, das aus dem engen Rahmen Gefallene.
Johannes fühlte sich wie über Wolken gebettet in Miras Armen, und wenn sie mit ihren warmen Lippen seine Furche in der Oberlippe berührte und sanft daran sog, dann öffnete sich für ihn die Welt, die er auf dem glatten Wassern des Flusses mit dem Wolkenspielen darin entdeckt hatte. Und diese Herbstnächte zogen für ihn wie eine Welt aus Spinnwebenglück dahin …
Damals, bis vor dem kommenden Krieg die bunten Wagen des „Fahrenden Volkes“ über Lager wie Auschwitz und hunderte andere in den Himmel zogen und Johannes verloren am Elbufer saß und umsonst darauf wartete, dass nach dem Sommerwärmeflirren der leise Herbstnebel in die Weinberge hinaufzog und die Bläue des Himmels verdunkelte ...