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Strohsackstopfen

Von ehemaliges Mitglied 23.09.2018, 10:59


Es war schon später Nachmittag, als Sophie oben an der Straßenbiegung ankam, wo es dann hinunter ins Tal ging und dann weiter die steile Straße hinauf in das letzte Dorf vor dem Berg mit der großen Silberpappel, die als Wahrzeichen vom weiten Elbtal um die Stadt herum aus gesehen werden konnte und die auf der höchsten Erhebung vor dem Erzgebirge stand.

Das Dorf auf halber Höhe lag schon dunkel im Sonnenschatten, es war ja Septembermond, die Tag- und Nachtgleiche, und sie hatte ein ungutes Gefühl, denn ihr erschien es wie eine Zwingburg aus dem Mittelalter und das Tal davor, in das sie nun noch hinunter und drüben wieder heraufsteigen musste, hatte für sie nichts Liebliches an sich, obwohl es das schönste Tal unterhalb des Gebirges sein sollte.

Nur langsam und widerwillig ging sie nun weiter , es war schon Abend, als sie in dem Bauernhof ankam, der ihr Zuhause für das angeordnete „Landpflichtjahr“ werden sollte.

Man empfing sie freundlich, aber ohne viel Worte, denn alle saßen gerade im Gesindezimmer am großen Tisch beim Abendbrot. Die Bäuerin zeigte ihr ihren Platz zwischen den Knechten, und meinte nur, sie solle nur zulangen, hungern müsse man hier nicht.

Nach dem Essen sagte die Bäuerin zu einem der jungen Knechte:
„Erich, bitte, geh mit Sophie und hilf ihr beim Stopfen“.
Sophie erblasste, stopfen, was sollte sie denn nun und ausgerechnet mit diesem Mann , der sie die ganz Zeit lächelnd angesehen hatte, stopfen?
Erich erhob sich, kam auf Sophie zu und nahm sie einfach an der Hand und zog sie mit sich aus dem Zimmer hinaus und weiter in die Scheune.

Es war der Strohsack, auf dem sie nun eine sehr lange Zeit ihre Nächte verbringen würde. Und dass sie diese Nächte irgendwann nicht immer sehr allein darauf verbrachte, war das Schönste daran.

Allerdings nur bis zu dem frühen Morgen, als Sophie während des Kühemelkens spontan das Plumpsklo aufsuchen und erbrechen musste. Nun ja, dachte sie, es sind die roten Bete, auf die sie in den letzten Tagen so erpicht gewesen war und die sie nicht vertrug. Es war die Bäuerin, die am Mittagstisch zu Erich sagte, es sei nun wohl Zeit, bei Sophies Eltern um ihre Hand anzuhalten. Beide wurden rot und Sophie musste schon wieder rennen, und als sie zurück kam, nahm Erich sie liebevoll in den Arm und sagte laut und deutlich:
„Ich liebe Dich, liebste Sophie, lass uns heiraten!“

Eigentlich wäre nun nicht mehr sehr viel zu sagen, aber inzwischen war es Krieg. Noch bevor es zu einer Heirat kam, musste Erich an die Ostfront. Er war noch nicht 21, und so hatte er noch nicht heiraten dürfen, denn dazu musste man mündig sein.

Ja, für den Krieg war er alt genug, zum Heiraten nicht. Aber die Eltern der beiden einigten sich und beantragten eine Kriegsheirat für ihre Kinder. So geschah es dann auch.

Im Septembermond 1941 kam der Brief: vermisst.
Sophie hatte keine Zeit, zu trauern. Die Arbeit auf dem Bauerngut war schwer, denn Knechte gab es keine mehr, es war ja Krieg.

Von nun an stopfte Sophie ihren Strohsack allein. Eine Weile später waren es dann zwei, die sie zu stopfen hatte, auch wenn der eine nur klein war . Jahr um Jahr ging Sophie in die Scheune, stopfte ihre Strohsäcke und wartete.

Und dann war der Krieg vorbei. Und Sophie wartete weiter und weiter und stopfte ihre Strohsäcke Jahr für Jahr allein.

Einmal wollten ihre Tochter und der Schwiegersohn ihr ein Bett mit Matratze kaufen. Sophie lehnte ab.
Es war ja der Strohsack, der ihr als einzige Erinnerung geblieben war ...

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