Sterndiamanten (1)
Von
tastifix
Dienstag 07.11.2023, 12:42 – geändert Mittwoch 08.11.2023, 05:57
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Draußen brannte die Sonne, pulsierte das Leben. Doch in einer Villa am Stadtrand herrschte eine bedrückende Stimmung. Der außergewöhnliche Wohlstand schien die Familie Dr. Brauns kaum zu genießen. Ihr Leben wurde dirigiert von der Sorge um die siebenjährige Tochter. Die Kleine tollte nicht herum wie die Altersgenossen, lud auch keine anderen Kinder zum Spielen ein. Nein, die meiste Zeit des Tages saß sie in einem Sessel und las. Schaute man ihr dabei neugierig über die Schulter, lüftete sich das traurige Geheimnis, das über diesem Haus lag. Annabel hielt ein Buch besonderer Art in den zarten Händen. Die Finger glitten bedächtig über die Seiten. Derweil umspielte ab und an die Spur eines Lächelns den kindlichen Mund. Nur für Sekunden, in denen das hübsche Gesicht in verhaltener Freude aufleuchtete.
„Mama,“ rief Annabel nachforschend, „Mama, bist Du da, sag doch etwas?“
Angestrengt lauschte sie nach eines leisesten Geräusches, das ihr die Nähe der Mutter angekündigt hätte.. Sie hatte Glück. Aus dem Hintergrund trat Frau Braun herzu und legte ihr die Hände auf die Schultern.
„Na, Kleines: Spannend, ja?“
Doch das Mädchen ging nicht darauf ein und schien ungewöhnlich aufgewühlt zu sein.
„Mama, was ist „Sehen?“, fragte es.
Frau Braun zuckte erschrocken zusammen. Ja, es war soweit! Sie musste ihr erklären, dass ihr ein bedeutender Teil des Lebens für immer verborgen bleiben würde. Die zahlreichen Untersuchungen hatten alle das gleiche Ergebnis erbracht. Niemals würde Annabel wissen, welche Farbenpracht auf Erden herrscht. Nie das Gefieder eines Vogels oder auch die Blüte einer Blume bewundern können.
Annabel war von Geburt an blind. Den Grund dafür kannte keiner. Seit ungefähr einem Jahr besuchte das Mädchen eine Blindenschule. Es war vorhehsehbar, dass sie zeitlebens auf Hilfe angewiesen sein würde.
„Was ist „Sehen“?“ wiederholte das Kind ungeduldig.
Frau Braun setzte sich zu ihr und strich seufzend zärtlich über den blonden Haarschopf.
„Annabel, das, was Du mit den Fingern ertastest und Dir dann vorzustellen versuchst, wie es aussehen könnte... Dies Dir zu vermitteln, ist eigentlich die Aufgabe Deiner Augen.“
Was „Augen“ sind, das wusste Annabel. Die Mutter hatte eines Tages des Kindes Zeigefinger über dessen Gesicht geführt und ihm dabei den Namen dessen genannt, was es erspürte. Auch hatte sie „Schwarz“ als „Dunkel“ erklärt. Dies konnte Annabel verstehen, denn sie lebte ja im fast undurchdringlichen Dunkel. Genauso vermochte sie sich in ihrer Fantasie „weniger dunkel“ bzw. „weniger schwarz“ noch vorzustellen. Doch Farben wie „Rot“ und „Grün“ blieben rein theoretische Begriffe. Verbinden konnte sie damit nichts.
Mit Spielfiguren brachte die Mutter ihr die Welt der Sehenden näher. Annabel, ein aufgewecktes Kind, verstand recht schnell, so dass sich das innere Dunkel zumindest etwas lichtete und schemenhafte Bilder der Umwelt zuließ. Selbstverständlich ersetzte es das Augenlicht keinesfalls und vermochte die Kleine nur situativ zu trösten. Frau Braum wusste nicht mehr die vielen Stunden zu benennen, in denen sie am Kinderbett gesessen, den nicht versiegenden Tränenfluss getrocknet und die zarten Hände gestreichelt hatte. Höchstwahrscheinlich war es ihrem Kind beschieden, als Außenseiterin durchs Leben gehen zu müssen. Trotzdem bemühte sie sich, die Kleine aufzumuntern.
„Bald ist Weihnachten, Kleines! Wenn Du Dir etwas ganz innig wünscht, vielleicht … ?“