Steh auf und geh!
Von
Feierabend-Mitglied
Donnerstag 03.09.2020, 16:14
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
Donnerstag 03.09.2020, 16:14
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Steh auf und geh!
Es ist Donnerstag, der 25.August 2011. Heute habe ich um 9.30 Uhr Fußpflege und um 11.00 Uhr einen Friseurtermin. Das Wetter ist eh nicht besonders, mehr habe ich nicht geplant. Ich werde wach und schau zur Uhr. Zehn nach sechs. Die übliche Zeit zum wach werden. Ich steh immer, wenn ich wach werde sofort auf und geh ins Bad. Ich will aufstehen. Irgendwas stimmt nicht. Mir tut nichts weh. Ich kann mein rechtes Bein nicht richtig bewegen.
Erst mal Licht an. Mein rechter Arm liegt da, als gehöre er nicht zu mir. Ich kann ihn nicht heben. Ich bekomme Panik. Was ist denn los? Ich stupse meine Frau mit der Linken an und sage, wach auf, mit mir stimmt was nicht. Ich höre nur Gebrabbel. Mein Schlafanzug ist vorne rechts unterhalb des Kragens naß. Mir ist Speichel aus dem Mund getropft.
Meine Frau wacht auf. Sie schaut zu mir herüber und ich sehe, wie sich ihre Augen einen Augenblick weiten. Es macht mir Angst, sie so ängstlich zu sehen. Sie springt aus dem Bett. "Bin gleich wieder da!" ruft sie und ich höre, wie sie die Treppe hinunter läuft. Sie telefoniert. Ich kann nicht alles hören. Aber ein Wort habe ich klar und deutlich verstanden: "SCHLAGANFALL!" Ich will mich aufsetzen, als sie ins Zimmer kommt, sie beruhigen, ihr sagen, es tut nichts weh, das wird schon wieder. Ich komme nicht hoch.
"Bleib liegen," sagt sie, "gleich kommt der Arzt und der Krankenwagen. Streng dich nicht an."
Ich will ein Scherzchen machen, ich kann ihr sorgenvolles Gesicht nicht ertragen. Mir fällt nichts ein. Es klingelt an der Tür. Der Notarzt. Er stellt eine braune große Tasche ab, setzt sich auf die Bettkante.
"Guten Morgen!" sagt er, "ich bin Dr.J. Sagen Sie mir ihren Namen!" "Ich sage ihn. Aber ich höre mich "remuft anhd" stammeln." Mist denke ich, das geht ja gar nicht! Aber denken kann ich, fällt mir in dem Moment auf. Na, wenigstens etwas, denke ich. Zwei Männer mit Malteser Jacken drängen ins Schlafzimmer. Die Trage steht unten im Flur. Die Treppe ist zu eng, sagt einer. Na, dann los. Sagt der andere, tragen wir ihn halt runter.
Viel Spaß, denke ich und denk dabei an meine 112 kg. Einer rutscht hinter mich und ergreift unter meinem rechten Arm hindurch mein linkes Handgelenk. Umgekehrt mit der Linken mein rechtes Handgelenk. Der andere packt die Beine an den Knöcheln und los geht's die Treppe hinunter. Die machen das nicht zum ersten Mal, stelle ich erleichtert fest.
Sie packen mich auf die Trage, schnallen mich fest und fahren mit Blaulicht und Martinshorn los.
Als über mir im Krankenhaus die Lichter im Flur auf dem Weg zur Notaufnahme vorüber huschen, sind seit dem Notruf meiner Frau gerade mal 20 Minuten vergangen. Eine Ärztin kommt. Sie faßt an mein Kinn und dreht den Kopf zu sich. Sie schaut mich an und sagt etwas medizinisch- unverständliches zu einer danebenstehenden Schwester. Die nickt und geht. Sie kommt mit einer Spritze zurück. Die Ärztin spritzt in den Arm. Ich merke, wie ich sofort wegdämmere--------
Ich werde wach. Am Bett sitzt meine Frau. Am Fußende steht mein Sohn. "Ich glaub, er wird wach" höre ich ihn zu meiner Frau sagen. Wo der wohl so schnell herkommt denke ich. Ich fühle mit der Linken am Kopf einen Verband.
Mein Frau beugt sich über mich. "Bleib ruhig liegen, sagt sie,streng dich nicht an!" "Was ist passiert?" will ich fragen. Es geht nicht nur Gebrummel. "Mist!"denke ich.
Mein Sohn zwinkert mir zu "Gut, daß du Linkshänder bist" sagt er und legt ein kleines Blöckchen und einen Kugelschreiber auf die Platte am Nachttisch.
"Was ist passiert?" schreibe ich auf. Er schreibt darunter, "du hattest einen leichten Schlaganfall!"
Ich zieh das Blöckchen zu mir und schreibe darunter: "Und du kannst reden, du Depp, du brauchst nicht drunter zu schreiben."
Mein Sohn liest, schaut meine Frau an und sagt:" Schau was er geschrieben hat! Er wird schon wieder!"
Und er ist schon wieder geworden. Seit einer Woche bin ich wieder zuhause. Ich mache brav meine Übungen mit dem Arm und dem Bein. Der Schnabel läuft schon wieder wie geschmiert. Ansonsten sitze ich vor der Tür auf der Bank und genieße die Sonne. Das Leben ist schön, hab ich heute Morgen gedacht und das hier aufgeschrieben. Ich bin wieder da.
Nächsten Dienstag geht es in die Reha.