Simon
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Feierabend-Mitglied
Samstag 05.12.2020, 16:20
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
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Simon war erst seit 6 Wochen in meinem Kindergarten. Bei der Anmeldung erzählte die Mutter, sie hätte sich von ihrem Mann getrennt und nun mit Simon eine eigene Wohnung. Näheres sagte sie nicht.
Simon, 5 Jahre alt, war ein verschlossenes Kind, sprachbegabt, er konnte sich stundenlang mit Buchstaben beschäftigen.Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, machte er kaum etwas anderes. Selbst in seinen gemalten Bildern gab es überall Buchstaben, in den Fenstern der Häuser, auf den Straßen, und er kannte fast alle und konnte sie benennen. Er bat mich eines Tages, ihm in Druckbuchstaben aufzuschreiben: "Mama ist mit mir so allein." Das tat ich, weil ich vermutete, dass dies zu seiner Verarbeitung gehörte.
Alle Versuche meiner Zwerge, ihn in ihre Spiele einzubeziehen, lehnte er ab, auch zu mir blieb er auf Distanz. Musik, Singen und Rhythmusinstrumente begeisterten ihn. So gab ich ihm auf diesem Gebiet öfter kleine Aufgaben, um seinen Platz in der Gruppe zu stärken. Ich wollte ihm Zeit lassen, mit dem Verlust des Vaters und der neuen Situation klarzukommen.
An einem Montag kam die Mutter aufgeregt und wütend in den Kindergarten, Simon verkrümelte sich schnell in die Bücherecke. Wir gingen in die Küche, und da brach es aus ihr heraus. Letzte Woche hatte Simon die Mama gefragt, ob sie auf einen Zettel ihren Namen, Adresse und Telefonnummer schreiben kann. Er geht manchmal allein zum Spielplatz, und da die Gegend noch so neu für ihn ist, hat er manchmal Angst, sich zu verlaufen. Diese Bitte war der Mama einleuchtend.
Heimlich schrieb er den Zettel viele Male ab und setzte darunter, was ich ihm aufgeschrieben habe: MAMA IST MIT MIR SO ALLEIN SIMON. Diese Papierstückchen verteilte er an viele Männer, die ihm gefielen, auf der Straße.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, welche Folgen das hatte. Pausenlos klingelte das Telefon, Männeranrufe in allen Schattierungen. Das führte zu einem solchen Konflikt zwischen Mutter und Sohn, dass die Beziehung daran fast zerbrach. Ich hörte lange zu und versuchte behutsam, der Mutter klarzumachen, dass dahinter eine ganz liebevolle Absicht von Simon steckte. Er konnte in seinem Alter noch nicht weiter denken und war selbst sehr erschrocken, aber wusste nicht recht, warum. Vorsichtig meinte ich, dass ich ihre Wut verstehe, aber jetzt ist es um so wichtiger, mit Simon ins Gespräch zu kommen. Mama schwieg, aber an ihrem Lächeln sah ich, sie hatte etwas Wichtiges verstanden. Nun musste ich Beiden Zeit geben, sich wieder näher zu kommen.
In den nächsten Wochen wurde Simon fröhlicher und nahm Kontakt mit den anderen Kindern auf. Ich entwickelte eine besondere Beziehung zu ihm, er war ein pfiffiges, selbstständiges Kerlchen und obendrein kreativ. Das hatte er mit seiner Papasuche bewiesen. Eines Tages strahlte er: "Gitti, ich darf Papa jede Woche besuchen", darauf nahm er mich in den Arm.
Mütter in Trennung sind oft so damit beschäftigt, ihr Leben neu zu ordnen, dass sie die Not ihrer Kleinen dabei nicht mehr wahrnehmen.