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Schneesturm

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 08.08.2018, 09:28

Hiermit will Euch etwas Entspannung von der großen Hitze bringen, mal sehen, ob es Euch gefällt:
Schneesturm

„Denn man tau“, sagte der Nordländer zu mir und „sattelte“ den Billewik, d. h. er legte zwei dicke Pferdedecken auf dessen Rücken und nahm drei Leibgurte, verband sie miteinander und machte sie dann mit den Decken um den Pferdebauch fest.

Ich hatte ein einziges Mal auf einem Pferderücken gesessen, als Zweijährige auf dem Bauernhof, davon gibt es ein Foto, sonst hätte ich es nicht geglaubt. Natürlich ist das für eine junge Frau, die gerade zum Viehzuchtbrigadier ernannt worden war, eine Blamage, nicht reiten zu können. Aber ich scherte mich nicht drum, für mich waren Pferde nichts als Freunde, die zum Rücken von Landmaschinen hin und wieder gut waren und ihnen deshalb noch eine Gnadenfrist in der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) zustand.

Aber diesmal war es eine Notwendigkeit, mich auf dieses Pferd zu setzen, dass auf alle Fälle genauso erstaunt geguckt haben wird, als es merkte, was hier vor sich ging: Die Straßen über den Zuggiebel hinunter nach Theisewitz waren unter Schneemassen begraben und die Färse dort wollte kalben, zur unrechten Zeit und in unrechter Lage, ich musste, komme was da wolle, „über den Berg“. Im Normalfall bekamen wir sonst Hilfe aus der Nickener Garnison, sie räumten die Straßen mit dem Panzer, aber solange konnte ich nicht warten. Natürlich wäre mir der Einsatz „über den Wolken“ lieber gewesen, aber dummerweise war auch der Agrarhubschrauber in seine Einzelteile zerlegt und wartete, frisch überholt, auf den Frühling.

Bei Schneesturm über einen Berg zu reiten, dessen Hangseite abwärts nicht nur tief zugeweht, sondern im Herbst geackert worden war, so dass der zahmste Gaul nicht wusste, wie ihm geschah und er mit seinen vier Beinen von unsichtbarer Furche zur nächsten unsichtbaren Furche stolperte und den unkundigen Reiter hin und her und auf und nieder mehr stürzen als nur schwanken ließ: ohoho, ich wünsche es niemanden…

Nach kurzer Zeit hing ich am Hals meines armen Freundes mehr tot als lebendig, denn der Sturm peitschte uns beiden ins Gesicht und auf die Vorderansicht und vernebelte jede Sicht. Außer dem Engelssingen vor Angst hörte ich nur dieses schreckliche Sturmesbrausen und klammerte mich noch fester an den Pferdehals, dass es erstaunlich war, dass dem die Puste nicht ausging …

Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren, irgendwann schleppte sich Billewik, mit seiner angstschlotternder Last wie zusammengewachsen, in den ersten besten Bauernhof von Theisewitz, wieherte herzzerreißend und stampfte so wackelnd hin und her, dass ich, mehr tot als lebendig, in die Arme des herbeigeeilten und verblüfften Bauern stürzte.

Am Ende wurde der Färse, dem Kälbchen, Billewik und mir geholfen und alle vier gingen wir in die LPG- Annalen ein, das Kälbchen als Zuwachs, die Färse als Kuh, Billewik als Held und ich mit Rippenfellentzündung ins Krankenhaus.

Übrigens, der Nordmann meinte später, es sei ein Wunder, dass ich nicht „taut gebliewen sei“.Versteht Ihr das?

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