Schneemädchen Mathilde (1)
Von
tastifix
22.12.2019, 14:27
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tastifix
22.12.2019, 14:27
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Die Fensterscheibe trägt einen dichten weißen Mantel. Staunend öffne ich das Fenster. Die Zweige der Bäume und Büsche vor dem Gartenzaun beugen sich unter einer etwa fünfzehn Zentimeter hohen Schneedecke.
„So etwas habe ich hier noch nie erlebt!“
Begeistert spurte ich zu meiner Tochter:
„Das musst du dir unbedingt ansehen!"
Gleich mir gerät sie außer Rand und Band:
„Mama, cool!",
Sie schnappt sich ihre Kamera und knipst und knipst ...
„Komm, wir bauen eine Schneefigur!“, schlägt sie vor.
Strickhandschuhe sind leider nicht wasserdicht. Erfrorene Finger mögen wir aber nicht und stülpen Gefrierbeutel darüber.
„Die rutschen garantiert sofort runter!", meint meine Tochter.
„Abwarten!!"
Grinsend verpasse ich den Beuteln eine braune Paketbandschleife.
„Und wie willste den Beutel an der rechten Hand festzurren, wenn die linke schon eingepackt ist?"
Unbeiirt lege ich das Stück Band auf den Tisch, presse die Hand darauf, damit es nicht wegrutschen kann, nehme das eine Bandende zwischen die Zähne, das andere zwischen die Gefrierbeutelfinger der linken Hand und wickele das Band ums rechte Handgelenk. Es erweist sich als eine echte Geschicklichkeitsübung. Mehrmals flutscht die Schnur weg und die Prozedur beginnt von vorn. Dann endlich sind die Hände Gefriertruhen bereit eingekleidet.
Zunächst trotzen die Schneemassen, die weiße Wonne pappt nur unzureichend und unser Möchtegern-Schneemädchen ähnelt einem Alien. Seinem Kopf, der eher einem Würfel mit ein paar Beulen dran ähnelt, macht die Schwerkraft schwer zu schaffen. Ein paar Male müssen wir es vor einem allzu tiefen Diener vor uns bewahren. Sonst würde es sich bestimmt wegen der erlittenen, nach Schönheits-OPs schreienden Verunzierungen mit gezieltem Eiskugel pfeffern rächen. Und die Dinger würden verflixt weh tun ...
Um dem vorzubeugen, rücken wir den hässlichen Beulen mit heißem Wasser zu Leibe. Wenige Minuten später sind sie verschwunden. Vor uns steht ein niedliches Schneemädchen mit einem wahrlich edlen Kugelkopf mit Knopfaugen, einer Möhrennase und einem lachenden Stockmund und mit einem nicht so ganz zierlichen Körper. Aber Letzteres ist nicht zu ändern.
Doch etwas fehlt noch. Kritisch betrachtet meine Tochter unser Werk:
„Mama: Es braucht eine Frisur!"
„Wiiee?"
„Wir gönnen ihr Bandhaare!"
Fix schneidet sie eine Kordel in unterschiedlich lange Stücke und hält eines davon dem Schneemädchen prüfend ans Gesicht.
„Ich würde sagen, einen Mittelscheitel ... Was meinst du, Mama?"
Ich finde, der Mittelscheitel kleidet die Kleine ganz ungemein. Meine Tochter besteht zudem auf einen kurzen Fransenpony. Ein wenig später pappen an der Stirn zwei kurze, seitlich zwei und hinten vier lange Bänder.
„Mama, und wie soll sie heißen?“
Und wir rufen wie aus einem Mund:
„Mathilde! Den Namen hat bestimmt kein zweites Schneemädchen!!“
Mathilde strahlt dankbar. Ob sie sich jetzt fast auch wie ein Mensch vor kommt?
Inzwischen ist Mathilde schon sagenhafte drei Tage alt. Obwohl sie sich nicht von Fleck rühren kann, führt sie ein sehr abwechslungsreiches Dasein. Mit den Bäumen, Sträuchern, Hecken und dem weiß gepuderten Gartenzaun hat sie sich mit spitzbübischem Lächeln und ihrer zarten Stimme bereits gut angefreundet. Sie überschlagen sich gegenseitig in dem Bestreben, Mathilde mit drolligen Berichten aus vielen Jahren im Garten so gut wie möglich zu unterhalten, damit sie sich ja nicht langweilt.
Dabei erfährt das Schneemädchen sehr viel Neues über uns, ihre zweibeinigen Freunde.
„Die Menschen haben uns liebevoll eingepflanzt und uns während des heißen Sommers regelmäßig erfrischende Duschen aus dem Gartenschlauch gegönnt. So konnten wir den Durst löschen und uns abkühlen“, erzählen die Pflanzen.
„Mich haben sie mit viel Mühe errichtet und mir sogar zusätzlich ein ständig wachsendes, grünes Kleid geschenkt“, lobt der Zaun und schaut stolz an sich herunter.
„Das glaub ich euch gern. Wenn ich daran denke, wie sie sich um mich bemüht haben ... Sogar schick frisiert worden bin ich“, erwidert Mathilde.
Rasch wirft sie einen prüfenden Blick in den Küchenfensterkosmetikspiegel direkt vor ihr und erschrickt.
„Neeiin!! W..Wo ist denn mein viertes langes Haar geblieben?“
Gestern noch hat es lustig im Wind geflattert. Nun ist dort nur ein Loch zu sehen ...
Geknickt bittet das Schneemädchen:
„Lieber Zaun, würdest du bitte auf deinen Spitzen nachsehen, ob dort vielleicht ein einsames Haar klebt?“
Der überprüft eilig sämtliche Latten und knarrt bedauernd:
„Du, hier ist es nicht. Tut mir leid!“
Mathilde ist es zum Heulen zumute, aber weinen können Schneemädchen nur, wenn sie tauen. Laut jammernd wendet sie sich an die ringsum stehenden Pflanzen:
„Und ihr? Seht ihr zufällig mein Haar irgendwo?“
Auch die Bäume und Sträucher kontrollieren ihre Zweige und wenden sogar jedes Blatt zweimal um. Nichts.
„Arme Mathilde!“, rascheln sie sich zu. „Wir müssen ihr unbedingt helfen!“
Da fallen ihnen die gefiederten Bewohner des Gartens ein. Eilig rufen sie alle Mieter des Zaunkleides zusammen. Sofort fliegen und hüpfen das Elsternpaar, die Amselfamilie, die Meisenschar und auch ein Rotkehlchen herbei.
„Hört mal: Hat jemand von euch Mathildes Haar zum Spielen gemopst?“
Die Elstern plustern sich empört auf:
„Wir klauen zwar gerne, aber nur glitzerndes Zeug.“
„Ja, das stimmt!“, nicken alle.
Die Amseln betonen zu ihrer Verteidigung, dass sie erst wieder im kommenden Frühjahr Material für eine Kinderstube benötigen werden.
„Ist ebenfalls nicht zu widerlegen!“, urteilt der Zaun.
„Und Ihr?“, fragt er die Meisen.
„Wir? Wir polstern unsere Nester mit weichen Blättern und zum Spielen bevorzugen wir kleine Stöcke!“
Somit sind auch sie entlastet. Aller Blicke richten sich auf das Rotkehlchen ...
´Wenn ich nicht wüsste, dass es immer so leuchtend orange-rot gefärbt ist, würde ich glatt denken, dass es jetzt errötet, weil es sich schämt!“, grübelt der Zaun.
Doch mag er es nicht wirklich verdähjtigen, denn es hat sich in all den Jahren im Garten nie etwas zu Schulden kommen lassen.
Das Rotkehlchen aber hält sich aus der hitzigen Diskussion heraus. Stattdessen hüpft es hinter Mathildes Rücken und pickt dort eifrig im Schnee herum. Es dauert nicht lange, da reckt es sich zu voller Größe und trägt triumphierend das vermisste Haar im Schnabel. Prompt erklären es die Anderen zum Helden des Tages. Doch der kleine Vogel sonnt sich nicht in dem Ruhm, sondern flattert auf Mathildes Schulter und stupst das Haar wieder an die Stelle zurück, an die es hingehört.
„Dankeschön, Rotkehlchen!!“, strahlt Mathilde. „Wirklich toll hast du das gemacht!“
Und das Schneemädchen ist wieder so schick wie zuvor ...