SCHADE Text+Bild:elbondo
Von
egalis
08.11.2020, 13:04 – geändert 08.11.2020, 13:40
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egalis
08.11.2020, 13:04 – geändert 08.11.2020, 13:40
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„Hallo, Herr S...! Das ist ja schön, dass ich Sie wieder hier finde!“
Ich strahle den Mann an, der da vor mir auf dem Boden auf seiner Decke wie ein Schneider sitzt und hocke mich zu ihm.
Es ist Dezember. Wir sind mitten in der Fußgängerzone in dieser Stadt an der Förde.
Er blinzelt mich durch die kleinen runden, goldgerandeten Brillengläser mit klaren blauen Augen aufmerksam an. Bedächtig ruckelt er sich zurecht, streicht seinen Mantel glatt. Mit den unteren Zähnen kaut er nachdenklich an dem erreichbaren Teil seines Schnauzbartes, zeigt mit seiner fingerlos-behandschuhten Hand auf mich und sagt dann mit einem Lächeln, das seine Goldzähne durch die Barthaare schimmern lässt: „Sie kennen mich?“ - „Aber ja“, antworte ich fröhlich. „Wir haben letztes Jahr schon miteinander gesprochen. Da saßen Sie allerdings da drüben.“ Ich weise zur Passage des großen Kaufhauses gegenüber. Und erinnere mich ganz deutlich an diese erste Begegnung.
Auch damals machte ich einen Stadtbummel. Genoss den frischen allgegenwärtigen Ostseewind, schaute in die weihnachtlichen Auslagen, kaufte Geschenke ein.
Beobachtete aber auch die Menschen um mich herum. Junge und alte. Versuchte sie einzuordnen: Hausfrauen, Geschäftsleute, Arbeiter, Ausländer, Schüler, Studenten, Akademiker und schließlich die Obdachlosen, von denen es hier nicht wenige gibt. Ständig „gut drauf“ ist zum Beispiel Alfons, der Asphalt-Cowboy. Er hat einen abgewetzten Lederanzug an, den dazu passenden breitkrempigen Cowboyhut auf. In der Hand hält er einen Stapel Zeitungen. Ich kaufe mir einen „Asphaltboten“. So heißt das Druckwerk. Hergestellt wird es von einer Initiative, die sich für Obdachlose einsetzt. So wie Alfons gibt es etliche, die sich mit dem Verkauf dieser Artikelsammlungen, die von Nichtsesshaften, deren Erlebnissen, von Obdachlosen-Einrichtungen und anderem berichten, Geld verdienen. Alfons liefert stets einen munteren Schnack dazu. Das steigert den Umsatz, sagt er.
In der Einkaufsmeile fallen weitere, überwiegend männliche Menschen auf: Sie sitzen in den etwas wärmeren Passagen der Kaufhäuser oder daneben. Einige haben auf ein Schild geschrieben, warum sie hier sitzen:
„Keine Arbeit. Keine Wohnung. Habe Hunger!“
Manche haben ihren Hund dabei oder auch zwei. Eines haben alle diese Männer gemeinsam: Die Kopfbedeckungen sind tief in die Stirne gezogen. Sie sitzen mit gesenktem Haupt da und sehen die vorüber eilenden Passanten nicht an. Nicht einmal den, der Geld in die Büchse fallen lässt.
Aber da sitzt ein kleiner Mann im Schneidersitz auf seiner Decke. Sein schütteres Haar reicht bis auf den Kragen des groben Stoffmantels. Aus Schafwolle ist der graue Pullover gestrickt, dessen Rollkragen und Ärmelenden hervorlugen. An den Füßen trägt er derbe Wanderstiefel. Ein Hosenbein gibt den Blick auf den handgestrickten Wollstrumpf frei. Nicht nur die sehr aufrechte, fast schon Würde ausstrahlende Haltung des Mannes ist bemerkenswert. Er schaut geradezu vergnügt in die Gesichter der an ihm vorüber Hastenden und wendet sich dann aufmerksam einem jungen Pärchen zu, das sich zu ihm herunterbeugt. Da sehe ich vor ihm auf der Decke, um ein Schild herum fächerartig ausgebreitet, etliche Schriften.
Das interessiert mich und ich geselle mich dazu. „Lyrik eines Landstreichers“ steht auf dem Schild. Das Pärchen hat sich ein Heft genommen und schlendert davon.
Ich gehe in die Knie um in Augenhöhe mit diesem sonderbaren Menschen zu sein. „Guten Tag“, sage ich. „Guten Tag, Madame“, antwortet er.
„Mich interessiert Ihre Lyrik. Können Sie mir etwas dazu sagen? Was, wie, wo und warum Sie schreiben? Und - verkaufen Sie mir ein Heft?“
Er lächelt breit. Unter seinem Schnauzbart blitzen Goldzähne auf. „Das sind viele Fragen auf einmal, Madame. Lesen Sie 's doch einfach!“
Den Preis könne ich selbst bestimmen. Für einen Obolus sei er dankbar. Papier ist teuer. Als ich ihm 5 Mark in die Hand drücke, will er mir 2 wiedergeben. Das will ich nicht. Er zeigt auf seine Signatur auf der Rückseite. Ich lese: „U. S., Landstreicher“. Die Gedichtsammlung hat er mit
„Die Harmonie der Welt“ betitelt.
Anderntags sitzt er wieder auf seinem Platz an der Passage, erinnert sich an mich und will wissen, was ich von seinen Gedanken halte. Das Lob scheint ihm nicht zu gefallen. „Wissen Sie, was mich wundert?“, fragt er und fährt fort: „dass mich kein Mensch kritisiert.“ - Und mit Nachdruck: „Ich höre keine Kritik!! Warum kritisieren SIE mich nicht??“
Ich überlege ein Weilchen. „Herr S..., das, was Sie geschrieben haben, sind IHRE eigenen Empfindungen. IHRE Eindrücke und IHRE Gedanken. Viele davon kann ich nicht teilen, weil mir der Bezug fehlt. Anderes entspricht genau meinem Denken. Ich kann doch nicht kritisieren, was nicht mit meiner Überlegung übereinstimmt! Jeder hat doch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Das muss ich tolerieren.“
Der Straßendichter schaut mich groß an: „So habe ich das noch nie gesehen. Ich danke Ihnen.“
Mir wird einmal mehr klar, dass dies ein Mensch ist, der vor seinem Landstreicher-Dasein entschieden anders gelebt haben muss. Woher hat er seine gewählte Aussprache? Was hat ihn aus der Bahn und auf die Straße geworfen?
An diese erste Begegnung muss ich denken, als ich nun, ein Jahr später, abermals vor ihm hocke. Er hat wieder Hefte vor sich liegen. Ich frage ihn, ob er neue Texte hat. Nein, hat er nicht. Und ich erzähle ihm, dass mich die erste Begegnung dermaßen faszinierte, dass ich das aufgeschrieben hätte.
Da wird er plötzlich fuchsteufelswild: „Werfen Sie das weg! Ich will nicht, dass über mich geschrieben wird! Sie sagen, Sie haben meine Texte gelesen? Sie haben ja gar nichts kapiert! Sie machen einen großen Fehler! Sie sammeln Menschen! Vergessen Sie die Menschen! Die sind es nicht wert! Vergessen Sie mich! Und jetzt gehen Sie!!“
Bestürzt erhebe ich mich und gehe, wie vor den Kopf geschlagen, davon.
Ich sammele Menschen, hat er gesagt. Und ich solle vergessen. Was treibt den Mann zu dieser Einstellung? Was hat ihn dazu gebracht?
Würden wir denn vergessen, dass es den Anderen gibt oder gegeben hat, wüssten wir wohl kaum etwas von unserer Kultur und Tradition, würden wir kein Weihnachten feiern, weder Ostern noch Pfingsten. Dann lebte jeder von uns wie unter einer Glasglocke, ohne jeglichen sozialen Bezug. Sogar die Obdachlosen, fällt mir dazu ein, suchen immer wieder die Gemeinschaft mit anderen.
Meine Gedanken sind so voll von dieser Begegnung, dass ich erst sehr viel später bemerke, dass inzwischen die Weihnachtsbeleuchtung angeschaltet wurde. Sie strahlt kalt und mich fröstelt. Ich finde keine Antwort auf die Fragen, schüttele mich und hebe den Blick. Leichter Schneefall hat eingesetzt.
Vom stadtnahen Hafen grüßt die Schwedenfähre mit dumpfem Tuten herüber. Der Tannenbaum auf der Brücke und die über die Toppen gespannte Lichterkette schimmern durch den weißen Flockenschleier. Ich atme tief durch, werde ruhiger. Sehe wieder bewusst den Weihnachtsschmuck in den Straßen, fühle Schnee auf meinem Gesicht und höre den Leierkasten: „...Gnaden bringende Weihnachtszeit...“
Die Menschen vergessen oder irgendeinen? Manchmal möchte ich es. Aber Erlebtes lässt sich nicht abschütteln oder in eine Kiste stecken. Menschen sind ein Teil unseres Lebens und ich bin sicher: Hier machen SIE den Fehler, Herr S.
Schade.
Nachwort:
Dieses Erlebnis ist inzwischen viele Jahre her. Aber noch immer nimmt es mich gefangen, wenn der Dezember naht und ich ertappe mich bei der Frage, was wohl aus dem Landstreicher-Poeten geworden sein mag, der nicht wollte, dass man an ihn denkt. Seinen Namen habe ich auch darum nicht voll angegeben...
ebd