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Regenwürmer

Von Feierabend-Mitglied Freitag 14.07.2023, 09:30 – geändert Freitag 14.07.2023, 09:31

Gestern besuchte mich mein 25 jähriger Enkel, das macht er jede Woche und er bringt mir immer eine Kleinigkeit mit, um mir eine Freude zu machen. Zu ihm habe ich eine besonders enge Verbindung, denn ich habe ihn mit auf die Welt gebracht. Er hat auch während seiner schwierigen Pubertät 2 Jahre mit mir in meiner 2 Zimmerwohnung gewohnt, eine Zeit, die sehr konfliktreich war, uns aber innerlich verbunden hat.
Er stellte eine Stofftasche auf den Tisch , nahm ein großes Glas heraus, in dem Blumenerde war. Ratlos guckte ich auf das Glas, guckte ihn an, er lächelte. Da sah ich, dass sich etwas darin bewegte, eine Ahnung stieg in mir auf.
"Gitti" sagte er, "ich habe dir 20 Regenwürmer mitgebracht für die Blumenkästen auf deinem Balkon, sie lockern die Erde auf und alles wird noch schöner blühen. Eine lange verdrängte Erinnerung erwachte in mir und mir wurde ganz kalt. "Hab ich etwas falsch gemacht Gitti, du bist ja ganz still und kreidebleich?" "Nein , nein, ich koche uns erst mal einen Kaffee und dann erzähle ich es dir."
"Vor 70 Jahren in der achten Klasse hatte ich mich immer mehr zum Klassenclown entwickelt, sehr zum Vergnügen meiner Mitschüler, weniger begeistert waren die Lehrer. Zu Hause war mein Leben so reglementiert, diszipliniert und immer von Angst begleitet, dass ich ein Ventil entwickelte, draußen und in der Schule meine Kreativität und meinen Humor zu leben. Das hatte bei einem strengen Lehrer üble Konsequenzen. Ich hatte ein Pubskissen mitgebracht und auf den Lehrerstuhl gelegt, obendrauf ein Stuhlkissen. Herr Liptow bedankte sich und nahm schwungvoll Platz. Es war mäuschenstill. Dann ein ohrenbetäubendes peinliches Geräusch, als die Luft entwich und die ganze Klasse brach in befreiendes Lachen aus, nur der Lehrer nicht. Er nahm die Stuhlauflage wortlos weg und brachte sie an meinen Platz. "Du kommst nach dem Unterricht zu mir". Mir schwante Böses, aber noch immer saß das Lachen in meinem Hals, aber das verging mir sehr bald."
In der Pause sollte ich zu dem großen Aquarium kommen, dass auf dem Flur stand. Herr Liptow stand schon dort mit einer kleinen Kiste, darin waren viele Regenwürmer. Er gab mir eine Rasierklinge und sagte:" eine Woche lang wirst du in jeder Pause die Würmer mit dieser Rasierklinge zerschneiden und die Fische füttern."
Er zeigte es mir und ein kalter Schauer durchlief mich, denn die Würmer verdoppelten sich und krochen weiter. Oh nein, ich liebte Regenwürmer!
Eine kleine Tat, aber eine enorme Wirkung, subjektiv die schlimmste Strafe, die ich je bekommen hatte, so schmerzhaft, dass ich dieses Erlebnis tief in meinem Unterbewusstsein vergrub.
Mein Enkel lauschte und nahm mich in den Arm. "Hör zu" sagte er, "Ich setze sie jetzt ein und du versuchst während der Zeit, einen Regenwurm auf deine Hand kriechen zu lassen." ich atmete tief durch und so taten wir es dann." "Schau Gitti, wie schön er ist und wie wertvoll für die Natur und jetzt nimmt er die deinen Schrecken weg." Und so löste sich nach kurzer Zeit dieses alte Trauma in herzlichem Lachen auf, während wir Beide uns im Arm hielten.

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