Raschels große Reise (Überarbeitung)
Von
tastifix
Freitag 05.10.2018, 17:28 – geändert Freitag 05.10.2018, 20:42
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tastifix
Freitag 05.10.2018, 17:28 – geändert Freitag 05.10.2018, 20:42
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Im eisigen Winter hatte Mutter Baum nur nackte, knorrige Äste und Zweige getragen. Doch nun verwöhnten erste Sonnenstrahlen Menschen, Tiere und Pflanzen und kündigten den Beginn des Frühlings an. Bereits nach wenigen Tagen sprossen überall an den Zweigen zartgrüne Knospen. Es zauberte ein frohes Lächeln auf die Gesichter der Menschen.
„Endlich ist der dunkle Winter vorbei!“, atmeten die Erwachsenen auf.
„Mama, wie niedlich das aussieht!“, freuten sich die Kinder.
Die Sonne wärmte die jungen Blätter, der Wind streichelte sie sanft. Säuselnd erzählte er ihnen über das Leben:
„Wunderschön werdet ihr werden und als eine mächtige Laubkrone eure Mutter prächtig schmücken!“
„Ooh!“, staunten die Kleinen.
„Dann möchte ich ganz schnell wachsen!“, murmelte eines und probierte gleich mal aus, ob es vielleicht seine Spitze schon entfalten konnte.
„Noch bist du dafür zu jung, Raschel!“, schmunzelte Mutter Baum wegen der Ungeduld des Kleinen. „Aber es wird eher soweit sein, als du jetzt denkst. Warte nur ab …“
Mutter Baum behielt recht. Die winzigen Blätter entwickelten sich zu kräftigen, leuchtendgrünen Jungblättern. Mittlerweile kannten sie nicht allein die Sonne und die Wärme, den Wind und den Regen sowie den Blitz und den Donner, sondern auch die Menschen. Immer wieder blieben Spaziergänger bewundernd vor Mutter Baum stehen:
„Welch schöner Baum! Wie toll er aussieht mit seinem dichten Laub!!“
Auch die Kinder mochten Mutter Baum. Um den Stamm herum tanzten sie Ringelreihen und spielten Fangen.
„Lieber Baum!“, sagten sie.
Bald löste der Sommer den Frühling ab. Es wurde wärmer und dann sehr heiß. Raschel und seine Geschwister waren erwachsen und streckten sich der Sonne im satten Grün gesunden Laubes entgegen. Die Menschen ließen die Arbeit ruhen und suchten Erholung in der Natur. Einige von ihnen erinnerten sich an Mutter Baum und genossen die Kühle unter ihrem weit ausladenden Laubdachfächer. Selbst die Kinder tobten nicht mehr wild herum, sondern vergnügten sich kreischend und lachend in dem Planschbecken, dass die Eltern für sie unter dem Baum aufgestellt hatten.
„Puuh, ist das heiß! Wie gut, dass hier Schatten ist!“
Raschel beobachtete sie amüsiert bei ihrem Treiben.
„Ohne uns würd es gar keinen Schatten geben!“, raschelte er seinen Geschwistern zu.
Diese wiegten sich zustimmend im Winde. Mutter Baum betrachtete zärtlich ihren Nachwuchs:
„Ihr seid sehr tüchtig. Ich bin ja so stolz auf euch!“
Doch auch der schönste Sommer ist einmal vorbei. Der Herbst zog ins Land. Es wurde kühler, dunkle Wolken jagten am Himmel, Regen prasselte, an manchen Tagen hagelte es gar. Dann fegten heftige Stürme über Stadt und Feld. Die Blätter klammerten sich an ihre Zweige. Noch trotzten sie dem an ihnen wild herumzerrenden Wind. Die Meisten trugen schon ein gelbes oder auch rotes Herbstkleid und die ersten Blätter begannen bereits zu welken.
Keine Spaziergänger schlenderten mehr vorüber, denn die Menschen flüchteten sich in die Wärme ihrer Häuser.
„Mama, ich hab Angst!“, rief Raschel. „Ich kann mich kaum mehr festhalten!“
Mutter Baum seufzte im Stillen.
„Ja, jetzt ist die Zeit gekommen, dass ich es ihnen sagen muss …“
Sie wandte sich Raschel zu und bemühte sich, trotz des dunklen Geheimnisses, dass sie in sich trug, ihm Mut zuzusprechen:
„Fürchte dich nicht. Bald begibst du dich auf eine große Reise.“
„Reise, Mama? Aber, wohin denn??“, fragte Raschel verunsichert.
„Der Wind wird dich mit sich nehmen und dich durch die Luft tanzen lassen. Es kann sein, dass er dich weit fort trägt und du sogar fremde Städte und Länder sehen wirst. Vielleicht taumelst du aber auch schnell zu Boden. Wer weiß …“
Die Tage vergingen und Raschels Blattränder kräuselten sich allmählich. Wie auch die Geschwister war er inzwischen dunkelrot gefärbt. Seine Kräfte schwanden mehr und mehr. Eines Morgens jammerte er:
„Mama, ich kann nicht mehr! Der Sturm!!“
„Nun ist es soweit. Gute Reise, mein Kind!“
„Und was wird jetzt werden?“
„Als ein Teil der Natur wirst du eine wichtige Aufgabe erfüllen.“
„Welche denn?“, wollte Raschel wissen.
„Wir gehorchen dem Kreislauf des Lebens. Es ist ein ewiges Entstehen und Vergehen. Ihr werdet die Wege in wunderschön rotgüldene Laubteppiche verwandeln und die Menschen, die an Herbsttagen so gerne durch leise raschelndes Laub wandern, ins Traumland entrücken, so dass sie alle Probleme und Sorgen vergessen und sich sehr froh fühlen. - Doch irgendwann werdet ihr zerfallen und …“
„Und das wird dann das Ende sein …?“, hauchte Raschel.
„Es ist das Ende und ein Anfang. Denn so kann wieder neues Leben sprießen.“
In diesem Moment riss eine Windböe das Blatt von seinem Zweig, blies das wehrlose Etwas hoch in die Luft und trug es fort von Mutter Baum.
„So wird es immer wieder sein!“, dachte diese wehmütig.
Der Sturm wirbelte Raschel über Städte und Felder, Wiesen und Wälder. Als das Blatt dann irgendwann und irgendwo zu Boden fiel, war sein letzter Gedanke:
„Ich bin so traurig, dass ich jetzt sterben muss. Aber es werden wieder viele neue Pflanzen wachsen, hat Mama gesagt, und sie hat vor allem gesagt, dass ich so meinen Teil dazu beitrage. Das macht mich trotzdem noch ein bisschen stolz!“