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Raschels große Reise

Von tastifix Dienstag 10.10.2023, 10:40

Im eisigen Winter hatte Mutter Baum nackt und knorrig dort gestanden. Aber dann wechselte das Wetter ...
Sonnenstrahlen verwöhnten Mensch, Tier und Pflanze und kündigten den Frühling an. Bereits weinige Tage später sprossen überall zartgrüne Knospen. Die Menschen lächelten froh.
„Endlich ist der dunkle Winter vorbei!“, atmeten die Erwachsenen auf.
„Mama, wie niedlich das aussieht!“, freuten sich die Kinder.

Sanfter Wind streichelte die Knopsen und erzählte ihnen säuselnd über das leben:
„Wunderschön werdet Ihr sein und Eure Mutter als prächtige Laubkrone schmücken!“
„Ooh!“, staunten die Kleinen.
„Dann möchte ich ganz schnell wachsen!“, probierte eine sogleich aus, ob sie sich schon entfalten konnte.
„Noch bist Du dafür zu jung, Raschel!“, schmunzelte Mutter Baum. „Aber es wird eher soweit sein, als Du jetzt denkst. Warte nur ab …“

Mutter Baum behielt recht. Die winzigen Knopsen entwickelten sich zu kräftigen Jungblättern. Mittlerweile hatten sie nicht nur Sonne, Wind, Regen so wie Blitz und Donner erlebt, sondern auch Menschen kennengelernt. Nun im Frühling schlenderten immer mehr Spaziergänger des Weges und blieben bewundernden Blickes vor Mutter Baum stehen.
„Welch schöner Baum! Wie toll er aussieht mit dem dichten Laub!"
Auch die Kinder mochten Mutter Baum und tobten um sie herum.
„Lieber Baum!“, sagten sie.

Bald löste der Sommer den Frühling ab. Es wurde noch wärmer und dann sehr heiß. Raschel und seine Geschwister, erwachsen geworden, zeigten sch im satten Grün gesunden Laubes. Die Menschen ließen die Arbeit ruhen, suchten Erholung in der Natur, erinnerten sich an Mutter Baum und genossen die Kühle unter ihrem weit ausladenden Laubdachfächer. Die Kinder vergnügten sich derweil kreischend in einem Planschbecken.
„Puuh, ist das heiß! Wie gut, dass hier Schatten ist!“
„Ohne uns würde es den gar nicht geben!“, raschelte er den Geschwistern zu.
Die wiegten sich zustimmend im Wind. Mutter Baum betrachtete ihren Nachwuchs zärtlich:
„Ihr seid sehr tüchtig. Ich bin ja so stolz auf Euch!“

Der Sommer neigte sich dem Ende zu,der Herbst zog ins Land. Es wurde kälter, dunkle Wolken jagten am Himmel, Regen prasselte, an manchen Tagen hagelte es gar und heftige Stürme fegten über Stadt und Feld. Verzweifelt klammerten sich die Blätter an ihre Zweige. Noch hatten sie die Kraft, dem wild an ihnen zerrenden Wind zu trotzen. Viele trugen bereits ein gelbes oder auch rotes Herbstkleid. Andere begannen gar schon zu welken. Nun schlenderten keine Spaziergänger mehr vorüber, die Menschen mieden das ungemütliche Wetter und blieben lieber daheim.

„Mama, ich hab Angst!“, rief Raschel. „Ich kann mich kaum mehr festhalten!“
Mutter Baum seufzte.
„Jetzt muss ich es ihnen sagen ... “
Trotz des dunkeln Geheimnisses, dass sie mit sich trug, versuchte sie ihm Mut zuzusprechen:
„Fürchte Dich nicht. Bald wirst Du eine große Reise machen.“
„Reise, Mama? Aber, wohin denn??“, fragte Raschel verunsichert.
„Der Wind wird Dich mit sich nehmen und durch die Luft tanzen lassen. Es kann sein, dass er Dich weit fort trägt und Du sogar fremde Städte und Länder sehen wirst. Vielleicht taumelst Du aber auch schnell zu Boden. Wer weiß …“

Die Tage vergingen und Raschels Blattränder kräuselten sich allmählich. Seine Kräfte schwanden mehr und mehr. Eines Morgens jammerte er:
„ Mama, ich kann nicht mehr! Der Sturm!!“
„Nun ist es soweit. Gute Reise, mein Kind!“
„Und was wird jetzt werden?“
„Als ein Teil der Natur wirst Du eine wichtige Aufgabe erfüllen.“
„Welche denn?“
„Wir gehorchen dem Kreislauf des Lebens. Es ist ein ewiges Entstehen und Vergehen. Ihr werdet die Wege als wunderschön bunte Laubteppiche schmücken, die Menschen, die so gerne durch leise raschelndes Laub wandern, verzaubern und ins Traumland entrücken. Dort vergisst ihre Seele alle Sorgen und fühlt sich ganz leicht und froh."
Sie schwieg einen Moment.
„Doch bald werdet Ihr zerfallen und …“
„Und das wird dann das Ende sein …?“, hauchte Raschel ängstlich.
„Es ist das Ende und ein Anfang. Denn so kann wieder neues Leben sprießen.“

Im selben Moment riss eine Windböe Raschel von seinem Zweig, blies das wehrlose Etwas hoch in die Luft und trug es hinfort.
„So wird es immer wieder sein!“, dachte Mutter Baum wehmütig.
Derweil wirbelte der Sturm das Blatt ständig weiter über Städte und Felder, Wiesen und Wälder. Als Raschel dann irgendwann und irgendwo zu Boden fiel, war sein letzter Gedanke:
„Es ist schlimm, dass ich jetzt sterben muss. Aber es werden wieder viele neue Pflanzen wachsen, hat Mama gesagt und sie hat vor allem gesagt, dass ich so meinen Teil dazu beitrage. Das macht mich trotzdem noch ein bisschen froh und stolz!“

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