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Prinzessin Weißröckchen

Von tastifix Mittwoch 10.04.2019, 16:26 – geändert Donnerstag 11.04.2019, 09:35

Prinzessin Weißröcken lebte mit ihren Eltern, der Königin Sauberfein und dem König Blitzesrein in dem schönen Land Güldenschein. Dort gab es nirgendwo Schmutz. In den Häusern brummten die Staubsauger von früh bis spät. Der reichste Mann war Staubtuchweber Wischundweg. Das Putzen war zur Lieblingsbeschäftigung der Hausfrauen geworden. So blieben die Kleider der Leute porentief rein. Die Waschmaschinen gähnten vor Langeweile. Sogar die Straßen blitzten vor ritzentiefer Sauberkeit. Kehrwagen mit riesigen Lupen an den Kotflügeln entfernten jeden noch so winzigen Krümel. An heißen Sommertagen feierten die Familien Straßenfeste. Die auf dem Asphalt gebratenen Würstchen schmeckten toll. Derweil die Väter sie brieten, beredeten die Mütter den neuesten Klatsch. Die älteren Kinder tobten ungestüm herum und die Jüngsten krabbelten munter übers Pflaster. Die Bewohner Güldenscheins waren um ihr blitzreines und sauberfeines Reich wirklich zu beneiden.

Doch eines Tages verbrachte Prinzessin Weißröckchen einen einsamen Nachmittag im Schloss. Ihr Kindermädchen hatte keine Zeit für sie und die Eltern mussten regieren. Weißröckchens Mutter gefiel es sehr, denn nur daheim Staubwedelmajorin zu spielen, war ihr zu blöd. Im Parlament schwang sie stundenlange Reden und keiner wagte es, sie zu unterbrechen. Weißröckchens Vater hütete sich, noch seinen Senf dazuzugeben und grübelte lieber über das neueste Fußballergebnis nach.

Prinzessin Weißröckchen langweilte sich. Verdrossen streifte sie durch die Säle.
„Im Museum ist mehr los! Was mach` ich denn nur?`
Geknickt verzog sie sich ins Kinderzimmer. Doch selbst Puppe Babsie und Teddy Plumchen heiterten sie nicht auf. Und die Telefonnummer ihrer Freundin aus dem Kindergarten kannte sie leider nicht. Aber auf einmal guckte sie wieder fröhlicher. Ihr war der königliche Flimmerkasten eingefallen. Zwar hatten ihr die Eltern das Fernsehen wegen der vielen grausamen Filme streng verboten, aber:
„Sind ja weg!“
Im Arbeitszimmer setzte sie sich in den Sessel ihres Vaters und zappte durch die Programme. Politik interessierte sie nicht und die Reiseberichte waren ihr zu wenig aufregend. Im 29. Programm aber stutzte sie. Fröhliche Kinder tollten durch Schlammpfützen und bewarfen sich lachend mit Lehm.
„Das macht denen ganz doll Spaß!“
Weißröckchen wurde neidisch. Aber es brachte sie endlich auf eine Idee.

Fix schaltete sie das Fernsehen aus und hüpfte vergnügt nach draußen in den Park bis hin zu den schönen Blumenbeeten. Weißröckchen übersprang den Minizaun davor und landete in der schwarzbraunen Blumenerde. Die weißen Sandaletten sahen bald aus wie Schuhe der Bauarbeiter. Weißröckchen wühlte begeistert in der Erde, schmückte ihr blütenweißes Kleid mit braunen Flecken und schmierte sich überall mit Dreck ein. Dann flitzte sie zurück ins Haus bis in den prächtigen Ballsaal und tanzte mit den total verdreckten Schuhen ein paar Runden. Bald war der Boden von schwarzbraunen Tapsern übersät.
„Sieht lustig aus!“
Die weiße Tapete sollte genauso lustig aussehen. Begeistert patschte sie mit den verkrusteten Händen darauf herum. Der Prachtsaal verwandelte sich in eine Lehmkuhle.
„So schön wie jetzt war es hier noch nie!“, lobte sich Dreckspatz Weißröckchen.

Abends entdeckte die überarbeitete Königin Sauberfein das durchwühlte Blumenbeet.
„Wer hat die Unverfrorenheit besessen, meine majestätischen Blumen zu zertrampeln?“, entfuhr es ihr mit schriller Stimme.
Die Beiden betraten das Haus. Überall Schuhspuren.
„Was ist hier los?“, schrillte Sauberfein noch schriller.
„Jemand ist durchs Schloss gegangen!“, stellte Blitzesrein fest.
Wen er verdächtigte, sagte er lieber nicht. Leicht zittrig auf den Beinen, setzte Sauberfein angestrengt einen Fuß vor den anderen. An der Tür zum Ballsaal blieb sie entsetzt stehen. Die Wände waren verziert mit -zig braun-lehmigen Flecken und den Boden bedeckte eine dicke Schmutzschicht.
„Iihiih!“, gurgelte sie mit ersterbender Stimme und fiel in Ohnmacht. Als ein wirklicher Herrscher behielt ihr Mann die Nerven, raste mit seinem Luxusauto zur besten Parfümerie Güldenscheins und erstand eine große Flasche ´Dornröschenkuss`. Die hielt er wenige Minuten später Sauberfein unter die königliche Nase. Das Parfüm machte dem Namen alle Ehre und die Königin schlug die Augen auf. Der Anblick des Königs brachte sie denn rasch wieder auf die Beine.

Von all dem hatte Weißröckchen nichts mitbekommen. Nach dem tollen Matschspiel war sie ins Bett gekrochen, während des Schlosszustandsberichtes an Babsie sowie Plumchen zufrieden eingeschlafen und gerade erst aufgewacht.
„Mama und Papa sind da!“, schwang sie sich aus dem Bett und stürmte in den Ballsaal.
„Juhuuh, ihr seid zurück!“, fiel sie pottdreckig, wie sie war, der piekfein gekleideten Mutter um den Hals.
Die schaute sie an und stand prompt kurz vor einer weiteren Ohnmacht. Blitzesrein griff rasch wieder zum ´Dornröschenkuss` und verhinderte das Schlimmste. Die wilde Umarmung des töchterlichen Schlammspatzes jedoch konnte er nicht mehr rechtzeitig abwehren.
„Igitt, meine Staatsrobe!“, kreischte Königin Sauberfein ziemlich unfein.
„Oh je, mein Beinkleid!“, meckerte König Blitzesrein ziemlich unrein.

Das lähmende Entsetzen stand den Beiden deutlich in die wachsbleichen Gesichter geschrieben. Der Anblick des unbekümmert strahlenden Töchterchens aber besänftigte sie nach und nach zunehmend. Schließlich schauten die Drei gemeinsam in den riesigen Spiegel an der Wand. Immer gelassener musterten sie die ihnen entgegen sehenden Matschgestalten. In ihren Gesichtern zuckte es und dann grinsten sie tatsächlich.
„Eigentlich ist es gar nicht so schlimm!“, meinte Blitzesrein-sehr-unrein.
„Im Grunde genommen lebt es sich so bequemer!“, ergänzte Sauberfein-sehr-unfein.
„Sieht doch echt cool aus!“
Weißröckchen guckte selig.

Tags darauf zogen sich die Eltern zu einer ausgiebigen Beratung ins königliche Arbeitszimmer zurück. Weißröckchen Dreckspatz hockte vor dessen Tür und spitzte die Ohren. Der König und die Königin wogen ab, verwarfen und überlegten erneut. Blitzesrein-sehr-unrein nahm sogar in Kauf, dass sein Kopf vor Grübeln wieder zu rauchen begann. Sauberfein-sehr-unfein riss sich doll am Riemen, redete nur kurz und gestattete es sogar, dass ihr Gemahl auch etwas anmerkte.
„Was werden die Leute sagen?", fragte sie.
„Es wirft die Verfassung über den Haufen!", stellte er fest.
Wieder schwiegen sie. Nach einer Weile aber blickten sich die Beiden lächelnd an.
„Wir haben Weißröckchen noch nie so glücklich gesehen!!"
Am nächsten Tag hingen überall im Lande Plakate:
„Von jetzt an darf nur noch eine Vietelstunde am Tag geputzt werden. Stattdessen wird gefeiert und die Kinder dürfen nach Herzenslust im Dreck tollen!"
Das Volk jubelte. So stolz es auf sein blitzreines und sauberfeines Land gewesen war, umso mehr noch war es jetzt einverstanden.
„Hoch, der Königsfamilie ein dreifaches Hoch!“
Auch Weißröckchen, der König und sogar die Königin strahlten um die Wette.

Die Staubsauger erholten sich von der jahrelangen Plackerei. Die Waschmaschinen jedoch veranstalteten Rundenwettbewerbe. Die Hausfrauen kauften nur noch selten Staubtücher und sparten viel Geld. In der zusätzlich gewonnenen Freizeit spielten sie mit den Kindern oder tratschten über den Klatsch in der nun zweiten Illustrierten, die Königin Sauberfein inzwischen herausgegeben hatte. Die Kinder tobten übermütig durch die Pfützen. Endlich durften sie das machen, was alle Kinder so gern tun. Und Staubtuchweber Wischundweg webte eben statt der Millionen Tücher nur die halbe Anzahl davon, verdiente nur noch die Hälfte der Millionen und war trotzdem glücklich.

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