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Pensionierung von Lehrern

Von Feierabend-Mitglied 16.08.2020, 20:57

Mit meinen 14 Jahren wurde ich von allen Schülern ausgewählt, beim Fest zur Pensionierung von Lehrern ein altes Berliner Gedicht von Kurt Tucholsky aufzusagen. Es hieß:" Mutterns Hände". Nachzulesen auf Youtube. Die Feier fand in der Aula statt mit ca. 400 Schülern, dem Lehrerkollegium und einer Abordnung vom Senat.
Warum man mich ausgesucht hatte war mir schleierhaft, ich hatte vor größeren Gruppen ein unerträgliches Lampenfieber und war ein Nervenbündel. Aber ich war dafür bekannt, dass ich Gedichte nach 2-3 Mal lesen auswendig konnte und oft auf eine Frage eines Lehrers zur allgemeinen Erheiterung in Versform antwortete.
Mit weichen Knien stieg ich auf die Bühne, sah die vielen Menschen vor mir, versuchte ein zaghaftes Lächeln, machte den Mund auf.... aber meine Stimme war im Urlaub. Bedrückendes Schweigen.
Ohne dass ich es wollte rutschte mir der Satz raus (es war eher ein kleiner Schrei): "Ich will nach Hause!".
Tosendes Gelächter... Mein Klassenlehrer kam auf die Bühne, stellte sich neben mich und sagte die erste Zeile. Sofort schaltete sich mein Gehirn ein und ich sagte das Gedicht auf, fließend und wie man mir berichtete, mit guter Betonung, laut und deutlich.

Nur bei der letzten Strophe stolperte ich, die ging im Original so:
"Heiß warn se und kalt, nu sind se alt nu bist de bald am Ende,
und da stehn wa nu hier
und denn komm wa bei dir und streicheln deine Hände".

Aus meinem Mund kam aber etwas anderes, ich schwöre, es war völlig unbewusst und ich merkte es gar nicht:
"Heiß warn se und alt, nu bist de kalt, nu bin ich gleich am Ende
und da steh ick nu hier und denn komm ick bei dir
und falte meine Hände".

Strafende Blicke, bedrückendes Schweigen, einige Kinder kicherten und ich begriff nicht, warum. Ich bekam einen Tadel ins Klassenbuch, wurde sofort nach Hause geschickt, nachdem man mich aufgeklärt hat, was ich da von mir gegeben hab. Ich hab mich furchtbar geschämt, erst recht, nachdem meine unbewusste Version von dem Gedicht mit einem Bericht über diese Feier in der Schülerzeitung veröffentlicht wurde.
Plötzlich stand ich in den nächsten Tagen im Mittelpunkt der Schule, das war mir so unangenehm. Mein Klassenlehrer unterstützte mich sehr, machte mir immer wieder Mut. Er sagte: "Du hast eine wunderbare Begabung, lass dir das von niemandem nehmen. Nimm ein Schreibheft und schreibe deine Verse auf, ohne Anspruch, einfach aus Freude an der Sprache." Das tat ich und manchmal denke ich sogar in Reimen.

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