Paris, das Ende der Schulzeit
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 24.08.2023, 23:53
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Paris, das Ende der Schulzeit
„Nehmen Sie Platz“ sagte der Direktor des Lyzeums. Ich war nach vier Jahren an seiner Schule zum ersten Mal in seinem Büro. Ihn hatte ich nur gesehen, wenn er manchmal in der Pause mit einem der Aufsicht führenden Lehrer über den Pausenhof schlenderte, ins Gespräch vertieft, niemanden wahrnehmend. Seine Augen hinter den Gläsern einer randlosen Brille hatten etwas stechendes, unheimliches. Keiner der Schüler hat es je gewagt, zumindest habe ich nie einen gesehen, der es gewagt hat, ihn anzusprechen. Nun also saß ich ihm gegenüber. Er hatte mich nicht gerufen. Ich war zu ihm gegangen. „Sie sind in der Klasse von Monsieur Laprè“ sagte er, „ich habe ihre Akte hier, sieht ja recht ordentlich aus, was also kann ich für sie tun?“
Jetzt, da ich ihm so nah gegenüber saß sah ich, daß seine Augen freundlich blickten, die dicken Brillengläser hatten getäuscht. „Monsieur le Directeur“ sagte ich, „ich arbeite jede Nacht in den Hallen. So verdiene ich meinen Lebensunterhalt, seit ich 14 Jahre alt bin. Ich bin ganz alleine in der Stadt. Die Schule habe ich so geschafft, aber ich glaube nicht, daß ich ein anspruchsvolles Studium auch bewältigen kann, wenn ich nachts arbeiten muß. Ich brauche deshalb ein Stipendium. Wenn ich zum Abitur einen Notenschnitt von 2,4 schaffe, will mir Monsieur Laprè helfen, eines zu bekommen. Nach allem, was ich mir ausgerechnet habe, könnte ich die 2,4 gerade so erreichen. Nun meine Bitte. Könnten Sie den prüfenden Lehrern meine Situation erklären? Nicht, daß ich an 0,1 Punkten scheitere.“
„Daß das, worum Sie da bitten eine Unverschämtheit ist, das wissen Sie wohl? Glauben Sie, ich würde zulassen, daß man Noten korrigiert, nur damit Sie ein Stipendium erhalten? Haben Sie das wirklich geglaubt? Verlassen Sie sofort mein Büro, raus, raus, sofort!“ sagte er leise. Ich wollte erklären, entschuldigen. Er schnitt mir das Wort ab. „Hinaus!“
Acht Tage später begannen die Prüfungsarbeiten für das Abitur. Ich war so gut und so schlecht vorbereitet, wie ich es eben sein konnte. Monsieur Meurzec hatte mir in der Halle freigegeben und als ich ging, strich er mir mit der Hand übers Haar und sagte „Alles Gute, mein Junge“.
So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich an kein einziges Detail des Abiturs erinnern. Eine Woche verging bis zur Bekanntgabe der Noten. Sie waren am schwarzen Brett öffentlich ausgehängt. Die Namen der 34 Schüler standen untereinander, davor die Nummerierung 1.; 2.; 3., usw. dahinter der erreichte Notenschnitt.
Der beste auf dem ersten, der schlechteste auf dem letzten Platz. Eine ganze Traube meiner Kameraden drängte sich um das schwarze Brett. Freudige und enttäusche Gesichter kamen zum Vorschein. Mir war schlecht. Langsam ging ich zum Brett, als die meisten schon weg waren. Mit klopfendem Herzen schaute ich auf das Blatt. Unten begann ich, von unten nach oben. Nur zwei mit 5,6 und 5,2 . Dann etliche 4er. Darüber die größte Gruppe, die 3 er. Noch immer nicht mein Name.
Da. An 9. Stelle mein Name und eine erlösende 2,2. Ich hätte schreien können vor Freude.
Einen Monat später bekamen wir in der Aula die Zeugnisse ausgehändigt. Die Eltern der meisten Schüler waren anwesend. Ich würde allein dastehen, so glaubte ich. Meine Eltern konnten sich die Reise nach Paris nicht leisten. Auf dem Weg zur Aula sah ich verwundert auf dem Parkplatz den weißen Citroën DS 21 Pallas meines Patrons. Er saß, zusammen mit seiner Frau stellvertretend für meine Eltern im Saal.
Ich wurde aufgerufen um nach oben auf die Bühne zu gehen, um mein Zeugnis in Empfang zu nehmen. Monsieur le Directeur händigte die Zeugnisse persönlich aus. Er beugte sich etwas nach vorne und sagte leise: “Na, hat es doch gereicht! Glauben Sie, wenn ich versprochen hätte, Ihnen zu helfen, Sie hätten sich so ernsthaft angestrengt wie Sie es offensichtlich getan haben?“ „Ich danke Ihnen“ sagte ich. „Sie haben mir geholfen!“ Und das meinte ich wirklich ehrlich.