OP brutale
Von
tastifix
22.10.2023, 08:51 – geändert 22.10.2023, 10:00
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tastifix
22.10.2023, 08:51 – geändert 22.10.2023, 10:00
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Am anderen Ende der Leitung hängt ein total verzweifeltes Etwas:
"Mama ...", piepst es mir schluchzend entgegen.
Schlagartig ist mir klar, wer da offensichtlich in Not ist: Die zittrige Stimmc gehört meiner Ältesten und das ´Schluchz` bedeutet, es geht um Leben oder Tod.
"Kleines, was ist denn passiert?"
"Püchen ist vom Schrank geplumpst, schnief, und jetzt hat er nur noch ein Auge. - Mamaa. hilftst Du ihm? Es ist ja so furchtbar, heul!!“"
Es klingt wie das SOS in Erwartung des drohenden Weltunterganges. Tja, meine Tochter ja erst 27 Jahre jung und der gefallene Unglücksrabe ihr Teddybär, der früher einmal meiner war.
´Schlimmer kann der Weltuntergang auch nicht werden!`, denke ich.
"Klar! Schwing Dich ins Auto und bring ohn mir. - Haste das Auge denn wieder gefunden?"
"D.. Das ist untern Schrank gekullert. Ich hab es mit der Krücke vom Regenschirm hervor gefischt, schnief."
„Des Regenschirmes!“, korrigiere ich im Stillen.
In Anbetracht der kritischen Lage behalte ich dies aber für mich.
Eine kurze Pause, dann spricht sie ein bisschen munterer:
"Püchens anderes Auge hat bei dessen Anblick richtig gestrahlt!"
Für ihre Fantasie kann meine Tochter nichts. Die hat sie von mir, Sie verstehen?
Eine halbe Stunde später klingelt es. Vor mir steht mein Töchterchen mit dem bedauernswerten Teddy auf dem Arm und bemüht sich um tapferes Tränenunterdrücken, was ihr erstaunlich gut gelingt. Na ja, seit dem Unfall sind ja immerhin mehr als dreißig Minuten vergangen. Auch Teddy Püchen wirkt auf mich einigermaßen gefasst. Vielleicht verdrängt in diesem Augenblick auch nur die Wiedersehensfreude mit seinem Ex-Frauchen den Frust. .
Sein linkes Auge blitzt mich an. Das andere kann das nicht. Es ist ja nicht mehr da, wo es hin gehört. Was ich aber sofort entdecke, ist der kleine Rucksack, den Püchen auf dem Rücken trägt.
"Weshalb bringt er den denn mit?", frage ich verblüfft.
"Da ist sein zweites Auge drin. So geht es wenigstens nicht verloren!"
Um beider seelischen Stabilität besorgt geleite ich die Zwei in die Küche und krame den Cappuchino und die Büchsenmilch aus dem Schrank. Den Kaffee für meine Kleine, damit sie vielleicht wieder in die Realität zurück findet und die Büchsenmilch für Püchen als Trostleckerchen. Beide schlürfen mit Begeisterung und meine Tochter beruhigt sich allmählich. So schicke ich sie dann gen Heimat:
"Aber, Mama, du sagst mir sofort Bescheid, falls ..."
"Ja ja, klar, Kind!", entgegne ich, schiebe sie zur Tür hinaus und schließe diese schleunigst wieder. Die Augen zur Decke verdrehend lache ich los. Irgendwie scheint mir das Ganze dermaßen verrückt ...
Aber urplötzlich werde ich wieder ernst, finde alles nicht mehr lustig, sondern äußerst tragisch und eile zurück in die Küche. Dort hockt Püchen vor dem Kühlschrank und leckt sich übers Maul. Wahrscheinlich meint er, macht er dies nur lange genug, dann regnet es noch mehr Büchsenmilch. Doch leider steht ihm eine Operation bevor und deshalb muss er zumindest einigermaßen nüchtern bleiben. Erklären Sie das mal einem Teddybären! Weil es relativ blödsinnig wäre, spare ich mir diesbezügliche Bemühungen und bereite schnell alles für den komplizierten Eingriff vor.
Der Küchentisch avanciert zum OP-Tisch. Püchen verschwindet, wie es sich bei einer anständigen Operation während der Adventszeit gehört, unter riesigen grünen Weihnachtsservietten, die nur noch die leere Augenhöhle frei lassen. Das muss so sein, denn wo sonst soll ich, bitteschön, das arme Guckinstrument implantieren? Unter der Hinterpfote würde es reichlich deplatziert wirken. Denn es ist ja kein Hühnerauge. Erschüttert starre ich einen Moment lang auf jenes traurige Loch dort.
„Keine Angst, das haben wir gleich!“, suggeriere ich dem vor Panik wie gelähmt liegenden Bären.
Keine Antwort. Hat er gar bereits mit seinem Leben abgeschlossen? Oje. es ist also keine Zeit zu verlieren! Eilig streife ich die Gartenhandschuhe über (es soll ja steril zugehen) und stülpe mir den größten meiner Fingerhüte über den Zeigefinger der rechten Hand. Teddys Haut ist sehr dick und eine Ledernadel sticht nicht nur am unteren Ende.
Ich stutze, habe wphl etwas Wesentliches vergessen.Aber was nur? Ach ja, richtig, noch ist der Bär bei vollem Bewusstsein.
„Nee, das geht gar nicht!“
„Entschuldige, Püchen, aber das muss jetzt sein ...“, flüstere ich dem armen Kerl zu und verpasse ihm eine heftige Backpfeife. Sein linkes Auge schaut mich geschockt an, Püchens Kopf kippt zur Seite und der Patient befindet sich im Traumland. Diese wahrlich liebevolle Art und Weise, ihn zu narkotisieren, ist eben umwerfend gewesen.
„Garantiert nascht der dort jetzt eimerweise Büchsenmilch, während ich mich hier abmühe!“, grummele ich.
Um das Auge festzunähen, braucht es nur wenige Stiche. Hoffentlich habe ich ihn jetzt nicht dazu verdonnert, in Zukunft schielend durchs Leben zu traben. Vorsichtig hebe ich die Serviette ein wenig an. Nein, die Operation ist geglückt, das Auge sitzt. Mir fällt ein Stein vom Herzen.
Die nachlassende Anspannung führt dazu, dass mich für einen kurzen Moment lang erneut die Realität überfällt und damit zugleich eine erschreckende Erkenntnis.
„Ich habe soeben einem Stück Stoff mit Sägespanfüllung eine runter gehauen!“, beginne ich entsetzt an meinem Verstand zu zweifeln.
Bevor ich mich noch selber für irrenhausreif erklären kann, verwischt ein mitleidiger Blick auf Püchen den selbigen für die Wirklichkeit. Ob Bärchen wohl Wundschmerzen bekommen wird?
Pflichtbewusst rufe ich meine Tochter an. Anscheinend hat sie sich vor lauter Sorge um Püchen die ganze Zeit nicht vom Telefon weg gerührt. Wieder zittert ihre Stimme:
„Mama, ist alles okay?“
Ich versichere ihr, ihrem Bären geht es gut. Aber irgendwie scheint noch eine Frage offen zu sein und richtig, da kommt sie auch schon:
„Mama, Du hast ihn doch hoffentlich nicht ohne Betäub... !!?“
„Für wen hältst Du mich eigentlich?!“, entrüste ich mich.
Stille in der Leitung. Es bleibt so still, dass ich davon ausgehe, es ist gut, dass ich nicht erfahre, was sie da denkt. Um allen ungerechtfertigten Zweifeln an meinem Charakter vorzubeugen, schleudere ich ihr, vielleicht ein wenig zu heftig, entgegen:
„Ich habe ihm selbstverständlich vorher eine geklebt!“
Hätte ich es besser anders formulieren sollen?? Wiederum herrscht Stille. Diesmal ist es eisige Stille.
Dann ein unkontrollierter, irre wütender Wahnsinnsaufschrei:
„Also wirklich, Mamaa!!!“
Das Gespräch ist beendet. Klatsch, der Hörer liegt.
Neben meinem rechten Ohr bimmelt es schrill und hartnäckig. Ich greife hinüber. Der Störenfried erweist sich als mein Wecker, der mir das Ende der Nacht ansagt. Glück gehabt!
Es ist alles nur ein Traum gewesen.