O je! Es tropfte!!
Von
tastifix
Freitag 11.09.2020, 11:57
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tastifix
Freitag 11.09.2020, 11:57
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Ich gehe in mich. Es lässt mir keine Ruhe. Ich kann den Gedanken nicht mehr abschütteln. Was für ein Mensch bin ich eigentlich? Grundsätzlich darf ich mir zumindest zusagen, dass ich einer bin. Ist schon mal toll, ja? Was die vielen Details der mich betreffenden Angaben angeht, sind es dermaßen viele, dass ich hier mindestens so an die zweitausend davon unter den Tisch fallen lasse. Es geht jetzt nämlich ausschließlich um jene eine Veranlagung, die ich noch nie habe verstecken können und die zu verheimlichen ich auch niemals imstande sein werde.
Also: Jeder hier weiß, dass ich gerne schreibe und vermutet dann auch sehr zutreffend, dass ich eine Leseratte bin. Doch, welches Genre ich bevorzuge, verlangt nach einer Aufklärung. Dies kann nämlich keiner einfach so erraten. Ich lese gerne Ernstes, genauso sehr gerne Amüsantes und ich schäme mich nicht, es zuzugeben: Ich schwärme für Schmalz!! Allerdings muss der so dick aufgetragen sein, dass mir nach spätestens fünf Minuten die Tränen rollen und zwar nicht vor Rührung, sondern eher vor Lachen. Es ist ja alles so herrlich dämlich und darum so unwahrscheinlich leicht durchschaubar. Andernfalls wäre es in meinem Dafürhalten ein niveauloser Schmalz.
Eine Zeitlang las ich nur noch selten, sondern saß vor der geliebten Glotze, die mehr als genügend anschauliche Schmalzthemen offerierte, die durch die extrem naiven Titel in der Tv-Zeitschrift sofort auffielen. Ich nenne sie hier nicht namentlich, um jeden Ärger deswegen zu vermeiden und wegen jenes vielfachen Blödsinns noch Nervenkraft einzusetzen, weigere ich mich ausdrücklich. Eine Weile ließ ich mich tatsächlich von dem Quatsch berieseln, wie es gleich mir wohl so Vielen erging. Nach der 445zigsten Folge einer allseits sehr bekannten Serie aber schaltete mein Verstand auf stur:
"Nicht mehr mit mir!!"
Also sagte ich jener irren Sendung Lebewohl und verzichtete damit auf die wahrlich unbezweifelbar lebenswichtigen Informationen der betreffenden Folge und auch der aller noch zu erwartenden Fortsetzungen. Inständig hoffte ich beziehungsweise war mir dessen relativ sicher, dass meine eigene Lebensroute deswegen keine Umwege nehmen würde.
So suchte ich mir ein anderes Betätigungsfeld, um mich auf ähnliche Weise zu betätigen, nämlich, mir tropfenden Schmalz einzusaugen bis in den hintersten Winkel meines ach so nach Romantik verlangenden Herzens und beschloss, mal wieder einem Buchgeschäft einen Besuch abzustatten. Ein recht großes sollte es sein, damit ich auch fündig werde würde.
Weil Düsseldorf eine Stadt mit riesigem Kulturangebot ist, musste ich nicht lange fahnden. Kurz darauf stand ich im Geschäft meiner Wahl inmitten von Regalen bis unter die Decke. Klassiker schauten mir entgegen und gleichsam die gesamte Literatur der Moderne. Die Buchtitel auf einem der Regale zogen mich magisch an, brachten mein Herz zum Klopfen, bis es zu rasen begann. Ich war am Ziel meiner Träume, hatte die Schmalz-Autorin entdeckt, deretwegen anfangs des vorigen Jahrhunderts sich zahllose Frauen beinahe unter den Tisch heulten und damit der Taschentuchindustrie zu ungeahnter Blüte verhalfen.
Hedwig Courts-Mahler, meiner Meinung nach in jenem Genre eine wahre Zauberin! Wie hypnotisiert starrte ich auf die Einbände, deren Outfit allein mich bereits in die heile Welt entführten. Ich klaubte mir einen Band heraus, schlug ihn auf und sofort war es um mich geschehen. Meine Umgebung war vergessen, ich versank in jener Welt voller Lieblichkeit, identifizierte mich mit den Helden der Geschichten, litt sowie freute mich mit ihnen und verschlang gierig die schwülstigen Liebeserklärungen, die in schöner Regelmäßigkeit auf jeder zwanzigsten Seite zu lesen waren.
Ach, seuufz! Ich schwamm innerlich weg, "wegger" ging es gar nicht und gestehe, dass ich leider nicht nur im Stillen hin und futsch war, als ich jene, der Heldin begegnende, bedeutungsschwangere Szene mit durchlebte. Dort stand:
´Sie schaute in seine tiefblauen Augen, Augen, so tief wie das Meer, die vor überschäumender Liebe zu ihr so blitzten wie die gleißende Sonne am Sommerhimmel. Sein inbrünstiger Blick versengte sich in den ihrigen, usw. ... usw. ... `
Den Rest erspare ich Euch, aber nicht meine Reaktion darauf: Erst war es nur ein schüchterner Tropfen, der sich verschämt den Weg in der Nähe des rechten Ohres über meine Wange bahnte. Dem allerdings folgten ganz viele, alles andere als schüchterne Tränen, die ungehemmt und für jeden weithin sichtbar, mir übers Gesicht rollten. Sie vereinigten sich zu einem wahren Sturzbach und ich war mitnichten fähig, dem auch nur im Ansatz etwa Einhalt zu gebieten. Oh, welch eine Wonne! Es war ja noch schmalziger als im Fernsehen!!
Ich erwarb das Buch, raste anschließend zu Aldi und kaufte dessen gesamten Taschentuchvorrat auf - für alle Fälle ...