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"Na, dann gommse mal mit!"

Von Feierabend-Mitglied Samstag 03.10.2020, 15:35

"Na, dann gommse mal mit!"

Ich habe meinen alten Schreibtisch aufgeräumt. Allerhand überflüssiges taucht da auf. Das meiste war eh zum wegwerfen. Da fiel mir mein alter Reisepaß in die Hände. Er war 1992 abgelaufen und wurde durch abschneiden einer Ecke ungültig gemacht, als der neue da war.
Ich blätterte ihn nochmal durch. Visastempel aus den USA, VR China, Honkong, Türkei, Argentinien, Indonesien, VR Polen und 9 mal DDR. Der 21. April 1989, ein Freitag, trägt einen Einreisestempel in die DDR. In die Seite eingeklebt ein Durchreisevisum nach Polen. Unter dem Stempel eine Gebührenmarke über 10,00 DM. Ich wollte am Sonntag, dem 30.04.89 wieder zurückreisen. Grund der Reisen war immer, für die Firma Produkte zu kaufen. Ich habe in Polen geschmiedete Gartenwerkzeuge wie Spaten, Hacken usw. in einem großen Schmiedebetrieb gekauft und in einem anderen Betrieb nahe der Karparten wurden Stiele in die Geräte gemacht.
An diesem 21. April 1989 wurde in meinen Paß gestempelt, daß ich ab sofort eine in der DDR unerwünschte Person sei und nicht mehr in die DDR einreisen dürfe.
Ab dem Zeitpunkt mußte ich zwei mal, solange die DDR noch existierte, über Tschechien nach Polen reisen.
Noch heute, während ich diese Zeilen schreibe, kann ich das beklemmende Gefühl nachempfinden, das mich immer befiel, wenn ich mich dem Grenzübergang Herleshausen näherte. Ich habe immer peinlichst darauf geachtet, nichts verbotenes dabei zu haben. Die Kontrollen habe ich immer gut überstanden und trotzdem war ich immer froh, wenn ich wieder zurück war.

Fast zehn Uhr abends war es, als ich zum Grenzübergang Herleshausen kam. Ich fuhr immer nachts, um der Wartezeit zu entgehen, die tags bei den vielen Besuchern entstand. Nachts war es ruhiger. Es hatte aber auch Nachteile. Die Grenzer hatten Langeweile und mehr Zeit für jeden.
"Führen Sie Waffen mit?" "Nein. Ich wußte nicht, daß man hier welche braucht!" "Pornographische Erzeugnisse?" "Auch nicht, soll ich Ihnen mal welche schicken." "Sie finden das wohl lustig hier? Zweck der Reise?" "Ich brauche ein Durchreisevisum nach Polen. Ich möchte nach Breslau!" "Das heißt Wroclaw, merken Sie sich das!" "Ich weiß, ich spreche polnisch."
"Zehn DM bitte, kleben Sie das Durchreisevisum in den Reisepaß. Sie dürfen den Transitweg nicht verlassen." "Ich weiß, auf wiedersehen."

Die Fahrt durch die Nacht quer durch die ganze DDR war ermüdent. Man sah kein Licht. Es gab in den Dörfern entlang der Autobahn nachts keine Beleuchtung. Ab und zu war ein erleuchtetes Fenster zu sehen. Die Autobahn war stellenweise in elendem Zustand. Da standen dann Schilder, erst 80 dann 60 km. Es war wichtig, sich daran zu halten. Hinter Hecken standen die Vopos zum Abkassieren. Drei mal haben sie mich angehalten, ich wäre zu schnell gefahren. Ich war definitiv nicht zu schnell. Diskutieren sinnlos, sie wollten Geld. Quittung gab es nicht. Ich bestand darauf, da waren sie sauer. Ich wurde nicht bestraft, weil ich zu schnell fuhr, sondern weil ich in einem Audi 100 saß.

Ich fuhr die ganze Nacht durch, morgens kurz vor 6 Uhr war ich in Görlitz. Ich hatte Hunger und mußte dringend zur Toilette. In Görlitz ging die Transitstrecke mitten durch die Stadt am Hauptbahnhof vorbei. Ich hielt an, ich wollte im Bahnhof zur Toilette und vielleicht gab es ja auch ein Brötchen zu kaufen. Gerade als ich mein Auto zugeschlossen hatte, stand ein Vopo-Auto hinter mir. Zwei Vopos stiegen aus. "Ihre Dokumente bitte!" Ich gab ihnen Führerschein, Zulassung und meinen Reisepaß. Sie schauten auf das Durchreisevisum. "Sie dürfen die Transitstrecke nicht verlassen." "Ja, ich weiß, will ich auch nicht, ich muß nur dringend zur Toilette, dann fahre ich weiter." "Sie dürfen die Transitstrecke nicht verlassen!" Sie wiederholten es immer und immer wieder, egal was ich sagte. Wie eine Schallplatte mit Riß. Und ich mußte immer dringender pinkeln. Aber sie hatten meine Papiere und ich konnte nicht einfach gehen. Als ich es nicht mehr aushielt, drehte ich mich zur Seite und pinkelte neben ihr Polizeiauto. Mitten auf den Bahnhofsvorplatz. Sie standen daneben und starrten mich mit offenen Mäulern an. Mir war's egal. Ich war im wahrsten Sinn des Wortes erleichtert.

"Na, da gommense mal mit" sagten sie. "Warum?" "Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses!" Ich fuhr also mit und lernte so eine kleine Zelle im Polizeirevier am Damianiplatz kennen. Ich legte mich müde auf die eine Pritsche und schlief tief und fest, bis man mich mittags weckte. Einem jungen Schnösel saß ich in seinem Büro gegenüber. Ob ich im Westen auch auf die Straße urinierte, schrie er. Da hindert mich auch niemand, aufs Klo zu gehen, sagte ich. Er brüllte noch eine Weile herum. Ich gähnte herzhaft. Nach einer Viertelstunde gab er offenbar entnervt auf. Er klatschte vor mir meinen Paß auf den Tisch. Auf dem rechten Blatt prangte in rot ein Stempel.
Er klopfte mit dem Zeigefinger darauf herum. Sie sind zukünftig in der DDR unerwünscht, sagte er. Auch auf dem Rückweg werden Sie nicht mehr durch die DDR fahren. Auf Nimmerwiedersehen, sagte er. Die Polizisten fuhren mich zum Bahnhof und begleiteten mich zur Grenze. Sie sprachen kurz mit dem Grenzer und übergaben ihm meinen Paß. Der knallte einen Stempel rein und ich fuhr über die Grenze nach Polen. So schnell war das noch nie gegangen. Ich fand das damals komisch. Zu einem Zeitpunkt, als tausende aus der DDR abhauten, die nicht rausdurften, sagten sie einem, er dürfe nicht mehr rein.

Sieben Monate später gab es die DDR nicht mehr. Im März 1990 fuhr ich wieder durch Görlitz. Die alte Geschichte wurmte mich immer noch. Ich fuhr zum Damianiplatz zur Polizeiwache. Ich hoffte, den jungen Schnösel vom Vorjahr anzutreffen oder einen der beiden Polizisten. Aber da waren nur Leute, die ich nicht kannte. Ich ließ es ein für allemal gut sein und fuhr weiter.

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