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Mitleid

Von tastifix Mittwoch 12.06.2024, 06:26 – geändert Donnerstag 20.06.2024, 07:06

Es war Winter. Selbst hier im Ruhrgebiet lag alles tief verschneit. Missmutig stapften wir Kinder bei lausiger Kälte und eisigem Wind zur Schule. ´Schneefrei` gab es schon lange nicht mehr.

Verfroren überquerte ich eine Viertelstunde später den Pausenhof.
„Puuh! Kann mich ja gleich drinnen aufwärmen!“
Plötzlich aber blieb ich stehen und horchte aufmerksam. Was ich vernahm, klang wie ein klägliches Wimmern. Ob ich zu spät in die Klasse kommen würde, war mir egal. Ich drehte mich erschrocken um und ging den jämmerlichen Lauten nach. Nicht weit von mir entfernt, von einem Busch halb versteckt, hockte ein junger Hund. Ich neigte mich zu ihn, mir war es zum Heulen. Es war ein Schäferhundwelpe, bestimmt erst drei Monate alt, viel zu dünn, das Fell toial verfilzt. Der Kleine zitterte wie Espenlaub und war wohl mit seiner Kraft am Ende.
„Ach, Du Armer! Dich haben sie bestimmt ausgesetzt!“
Der Hund guckte mich aus treuen Augen flehend an. Ich versuchte ihn mit meiner Jacke ein wenig zu wärmen.Dankbar leckte er mir die Hand.
„Ich darf Dich nicht mit hinein nehmen!“, schluckte ich.
Bei dem Gedanken, den Winzling zurücklassen zu müssen, war es mir sehr elend zumute. Aufgewühlt streichelte ich ihn noch ein letztes Mal und marschierte dann schleppenden Schrittes ins Schulgebäude.

Vom Unterricht bekam ich in jener ersten Stunde nichts mit. Viel zu sehr beschäftigte mich das Schicksal dieses einsamen Hundekindes. Mich quälten grausame Üerlegungen:
„Was wird aus ihm, wenn sich niemand um ihn kümmert? Wird er dann gar erfrieren?“
Man muss es mir angesehen haben, wie sehr da etwas in mir arbeitete, denn plötzlich fragte mich unser Lehrer:
„Gaby, was ist denn mit Dir? Hast Du Kummer?“
Ich nickte und konnte die aufsteigenden Tränen nicht mehr zurückhalten:
„Auf dem Hof sitzt ein kleiner Hund. Er scheint kein Zuhause zu haben und zittert sich halbtot.“
„Du weißt ja, dass hier in den Klassen Tiere nicht geduldet werden!“
„Ja, aber ...Wir dürfen doch dieses arme Wesen nicht ...“
Bedrückt sah ich ihn an. Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass er genauso darüber dachte wie ich. Es gab mir einen Mut ein, wie ich ihn selber von mir nie vermutet hätte. Ich stand auf und schaute meine Klassenkameraden beschwörend an:
„Den können wir doch nicht seinem Schicksal überlassen. Ich mach` da nicht mit, egal, ob ich ´nen Tadel kriege oder nicht!“
Ich sah nochmals zu meinem Lehrer und glaubte, ein leises Lächeln in seinen Augen zu sehen. Dies gab dann den Ausschlag.

Einstimmig beschlossen wir, dass wir einen Weg finden wollten, dem kleinen Kerl zu helfen.
„In die Klasse darf er zwar nicht, aber bestimmt vorne in die Eingangshalle. Dagegen sagt keiner was.“
Ein Kind kramte im Tornister und holte sein Frühstücksbrot heraus.
„Er braucht das dringender als ich!“
Unser Lehrer guckte sichtlich gerührt und dann geschah es: Er unterstützte uns! Schnell lockten wir den Findling mit einem Happen Wurst in die Halle und wickelten ihn in eine Decke. Der Lehrer schickte eine Schülerin ins Lehrerzimmer und sie kehrte mit einer großen Schale lauwarmen Wassers zurück. Inzwischen zitterte der Kleine nicht mehr und trank gierig. Derweil trösteten wir und streichelten, was er sehr genoss ...
„Ängstlich ist er nicht! Also hat er bisher keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht! Vielleicht ist er ja nur ausgebüchst und dann lange herum gestrolcht!“
Dieser Gedanke ließ uns aufatmen.

„Strubbel“, wie wir ihn nannten, ließ sich von hinten bis vorne verwöhnen und verteilte pausenlos Vollwäschen. Auch unser Lehrer blieb davon nicht verschont. Anstatt ihn abzuwehren, schmuste er sogar mit ihm.
„Strubbel braucht ein Zuhause!“, erklärte er. „Wir müssen ihn ins Tierheim bringen. Dort ist er wenigstens gut versorgt.“
„Ins Tierheim?“, empörte sich die ganze Klasse. „Dann ist er aber doch wieder allein!“
Nein, wir waren uns einig: So nicht!
Einer der Jungen hatte die rettende Idee:
„Ich weiß, was wir machen! Meine Eltern lieben Tiere und haben bestimmt nichts dagegen, wenn Strubbel erstmal für ein paar Tage bei uns wohnt. Ich ruf` sie mal eben an.“
Strahlend kam er zurück:
„Der darf zu uns! Mein Vater hat gesagt, dass wir in den nächsten Tagen rum hören werden, ob irgendwo ein kleiner Hund vermisst wird. - Und, falls nicht ...“, jubelte er, „dann darf ich ihn behalten!!“
Vor Freude konnte er sich kaum wieder beruhigen. Unsere ganze Klasse geriet außer Rand und Band:
„Strubbel, dann gehörst Du zu uns!“

Der Unterricht war vergessen, obwohl ... Wir hatten etwas sehr Wichtiges gelernt. Wir hatten erfahren, was es bedeutet, die Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen.
Es endete fast wie im Märchen. Strubbel wurde nicht vermisst, gewann ein neues Zuhause und mit uns noch sehr viele neue Freunde hinzu.

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