Mit einem Navi kann man was erleben
Von
tastifix
Mittwoch 13.06.2018, 15:38
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tastifix
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Wie gut nur, dass es die Errungenschaften der modernen Technik gibt. Insbesondere, wenn es um Orientierungshilfen geht. Na ja, heut weiß ich immerhin den Namen der Stadt und erkenne sie auch wieder, in der ich seit nunmehr 25 Jahren lebe. Aber damals in den ersten Monaten beherrschte mich öfters diesbezügliche Verunsicherung, die ich mit verschämten Blicken auf Autokennzeichen und Schilder zum Glück dann überwand. „Ich lebe jetzt in Düsseldorf!“, hämmerte ich mir ein. Dem widerstanden weder mein nur-Mikro-Orientierungssinn noch mein geistiges trotzendes Notizbuch, kapitulierten und speicherten ab dann alles beängstigend rasch und sogar richtig. Zudem bewies der Himmel Mitleid und ließ ein paar kluge Köpfe einen Mini-fast-Fernseher entwickeln. Allerdings werden nicht etwa „Denver Clan“ oder „Nur die Liebe zählt` gezeigt, so dass dann manche Lenkradkönige vor lauter roten Herzen und Schmalz total weggetreten gegen den nächsten Laternenpfahl donnern, sondern es sind riesige Straßenkarten eingequetscht, die sich aber ohne jeden Knick und Tadel präsentieren. Die Kästchen, Navis genannt, können noch viel mehr. So quasseln sie zeitweise wie ein Buch, dabei stets freundlich, höflich und wiederholen jeden Satz zur Sicherheit mindestens zweimal. Und das wahlweise mit zarter weiblicher oder auch charmant männlicher Stimme. „Vielleicht halten die uns menschliche Gesprächspartner für ein bisschen doof?“ - Meine Tochter Martina hat vor kurzem ihr erstes Auto erstanden. Knautschi, ein Micra von Nissan, ist ein wahrer Schatz, blitzt schelmisch aus den Scheinwerfern und strahlt in Orange mit der Sonne um die Wette. Vernarrt bis über beide Ohren spendiert Martina dem Kleinen Waschanlagenbesuche am laufenden Band und fährt ihn, sobald sich eine winzige Wolke am Himmel zeigt, schnellstens in die Garage. Auch bekommt Knautschi viele wichtige Geschenke. So zum Beispiel vor zwei Wochen einen von Martina so sehr geliebten Papageientaucher, der nun an Knautschis Schlüssel baumelt. - Aber heute folgt der Clou: Stolz zeigt sie mir ein Navi: „Das ist für Knautschi. Mama, hast du Lust auf einen Ausflug?“ Selbstverständlich habe ich. Knautschi scheint ein wenig gekränkt auf das Navi zu schielen. Kein Wunder, denn bislang hat er seinen Weg selbst ohne solch einen rechteckigen Besserwisser immer gefunden. Navi "Tusnelda" landet in der Schale an der Windschutzscheibe und martina tippt das Ziel ein: Mac Donalds. Nur zur Information: Diese recht bekannte Futterkrippe steht so ungefähr zwei Kilometer vom Haus entfernt. Wir starten und schon geht es los: „Nach zweihundert Metern biegen Sie auf die ...“ Zwei Sekunden später: „Nach zweihundert Metern ...“ Martina und ich tauschen einen Blick. Nur gut, dass es die Frauenstimme war. Sonst wäre Martina jetzt schwer sauer. Die kurze Strecke bis zur Umgehungsstraße dürfen wir uns ungestört unterhalten. Doch beim Anblick der nächsten Ampel in der Ferne schwant mir Böses. Und prompt: „Nach dreihundert Metern bleiben Sie links und nehmen dann ... Bleiben Sie links!“ Martina fährt bereits links, linker geht’s nimmer, es sei denn, rauf auf den Bordstein und über die Gänseblumen. Wir lieben Blumen und ignorieren deshalb Tusneldas Vorschlag. Kurz danach biegen wir - dann. Eigentlich hätten wir nun ein Navi-Lob verdient. Stattdessen: „Fahren Sie geradeaus ... Beachten Sie bitte die Geschwindigkeitsbegrenzung!“ Wir dürfen hier 70km/h, schleichen aber daraufhin mit nur 60 km/h weiter. „Halten Sie sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung!!“, tönt es bereits ein wenig vorwurfsvoller. Wie konnten wir aber auch nur ... ? Martina ist inzwischen wegen Tusneldas dauernder Quasselei merklich nervös. Die benimmt unterbricht nämlich jedes Gespräch: „Mama, der Typ kann mir gestohlen bleiben!“ Tusnelda dazu:
„Biegen Sie rechts ab. Beachten Sie die Geschwindigkeit!!“ Upps, ist sie vielleicht gar nicht dumm und rät gerade meiner Tochter, den besagten Typen in seinem Engagement ein wenig zu bremsen oder besser endgültig von ihm Abstand zu halten? Martina scheint ähnliches zu überlegen. Jedenfalls schaut sie auffällig nachdenklich drein. Oder konzentriert sie sich nur aufs einzuhaltende Tempo? ´Frag jetzt bloß nicht nach!` Ich bin ja eine erfahrene Mama. Martina seufzt. „Mama, Sandra reist jetzt durch die USA!“ „Dann kriegst du bestimmt bald ne Karte!“ Das interessiert auch Tusnelda. Mit eindringlicher Stimme gibt sie aufdringlich ihren Senf dazu: „Fahren Sie einen Kilometer immer geradeaus ...“ Ausnahmsweise regt es uns nicht auf. „Das macht Sandra garantiert!“, stimmen wir zu. Inzwischen ist uns klar geworden: Wenn wir auf die richtige Gesprächsführung achten, müssen wir uns über Tusneldas keckes Dazwischenreden gar nicht aufregen. Dagegen werden ihre Anmerkungen sogar zu wahren Lebensweisheiten. So verstehen wir Drei uns für mindestens fünfhundert Meter wunderbar. Sie dirigiert uns nach links, nach rechts und geradeaus, das in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit und es herrscht pure Harmonie. Doch kurz darauf ists vorbei mit dem Frieden. Wir sind geschockt. Tusnelda fordert uns tatsächlich auf, bei durchgezogener Mittellinie zu wenden, einfach so. „Nach fünzig Metern wenden Sie und nehmen im nächsten Kreisverkehr die zweite Abfahrt ...“ „Martina, die spinnt! Wir dürfen doch nicht ...“ Ratlos mustert meine Tochter die Markierung, die nach wie vor darauf besteht, nicht überfahren zu werden und grübelt: „Aber - wenn sie es vorschlägt? Die kennt sich doch eindeutig besser als wir, oder ...??“ Wirklich?? Martina kann jetzt ja nicht anders argumentieren. Denn sonst würde sie Tusneldas Kompetenz anzweifeln, die uns wahrscheinlich daraufhin beleidigt zur Strafe nach Pusemuckel leiten würde und wir würden es vielleicht noch nicht einmal merken! „Pass auf: Irgendwann endet der Streifen. Dann drehen wir!“, schlage ich vor und denke: ´Fragt sich nur ,wann?` Martina möchte keine Verkehrssünderin werden und ist einverstanden. Zufrieden deshalb schweigt sich Tusnelda eine kurze Weile aus. Nach einigen wenigen Metern endet die Linie. Erleichtert wenden wir und vertrauen uns dem schnurgeraden Straßenverlauf an. Das Navi sagt immer noch nichts. Die ungewohnte Stille belastet. Das empfindet anscheinend denn wohl auch Tusnelda: „Bleiben Sie rechts ... Fahren sie bis zur nächsten Kreuzung und nehmen Sie ...“ - Den Rest kennen Sie schon. Zum Glück finden wir die zweite Abfahrt sofort. Die Straße wird deutlich schmaler. „Gleich sind wir da!“, ermuntern wir uns. Im selben Moment kündigt Tusnelda an: „Nach hundert Metern haben Sie ihr Ziel erreicht ... Sie haben ihr Ziel erreicht!“ Froh widmen wir uns dem Pommesmord. „Die Rückfahrt wird dagegen nen Klacks!“ - Zunächst läuft alles problemlos. Knautschi startet, rollt brav und überfährt auch keine Ampel. Martina strahlt. Zwischen Tusnelda und uns ist alles okay und wir sind mit ihr ausnahmslos zufrieden. ´Vielleicht war der ganze Zirkus ja nur Navis Eingewöhnungsphase im neuen Zuhause!`, denke ich. Eigentlich könnten wir das Gerät jetzt ausschalten, denn wir haben bereits unser Einkaufszentrum erreicht. Doch dies tun wir Tusnelda nicht an, wollen nicht die noch sehr frische Freundschaft gefährden. „Nehmen Sie die zweite Nebenstraße rechts, danach geradeaus und biegen dann in die letzte Nebenstraße links ein ... Biegen Sie jetzt ab!!“ Wir grinsen uns an. Gehorsam befolgen wir die Anweisungen und finden uns auf dem Zufahrtsweg zu unserem Haus wieder. Mit 50km/h sehnen wir uns dorthin. Eine Minute später sehen wir direkt vor uns die Doppelgarage. Ein letztes Mal für heute kommandiert Tusnelda: " Halten Sie sich links ... Fahren Sie sieben Kilometer immer weiter geradeaus!“ Entsetzt starren wir sie an. In letzter Sekunde steigt Martina auf die Bremse. Sonst wären wir vielleicht noch im nachbarlichen Wohnzimmer gelandet.