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Mit 65 nach langen Jahren zurück in die Heimat

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 18.07.2023, 11:36

Nach langen Jahren in Paris, wo meine Kinder geboren und aufgewachsen sind, kam ich vor 5 Jahren zurück in die Heimat. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie stark ich doch durch das Ruhrgebiet geprägt bin und wie sehr ich es liebe.
In den vielen Jahren waren wir nur zweimal auf dem Weg zur Ostsee für einen sehr kurzen Zwischenstopp in meiner Heimatstadt gewesen, um sie den Kindern zu zeigen. Familie hatte ich schon seit meinem 18. Lebensjahr nicht mehr.

Vieles hatte sich natürlich verändert. Aber als ich über den Rathausplatz lief und die ältere Dame zu dem kleinen Mädchen sagte „Komm, tu die Oma ma ei machen.“, wusste ich, dass ich zu Hause bin.

Eine ehrenamtliche Aufgabe hatte ich schnell gefunden. Gelesen habe ich schon immer gern und irgendwann während meiner Schulzeit gewann ich einen Vorlesewettbewerb. Also wandte ich mich an die Caritas. Man schlug mir vor, in einem Altenzentrum den demenzkranken Menschen Geschichten vorzulesen. Zweimal in der Woche war ich dort und es machte so viel Freude.

Und dann kam der 21. Dezember 2018. Während der letzten Wochen hatte man immer wieder gelesen und gehört, dass an diesem Tag die letzte Zeche im Pott schließen würde. Ich saß heulend vor dem Fernseher, als man die Bilder von Prosper Haniel in Bottrop zeigte, als man unserem Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier das letzte Stück Steinkohle, das man abgebaut hatte, übergab. Eine Ära ging zu Ende. Den Pott, wie ich ihn als Kind kannte, gab es nicht mehr.

In diesem Moment kam mir eine Idee. Ich wollte darüber mit den Leuten aus dem Altenzentrum reden. Die Dinge aus der Kindheit sind bei Demenz bis zum Schluss sehr präsent.
Ich würde erzählen, aber auch Fragen stellen. Mein Projekt hieß Witten, das Ruhrgebiet und der Bergbau.

Mehrmals habe ich nun schon wunderbare Nachmittage in Seniorenheimen oder Senioren-Cafés bei Kakao und Kuchen verbracht. Welche Geschäfte gab es früher in Witten und wie nannten sich die Zechen in unserer Stadt, es gab Grubenunglücke z. B. in Lengede. Wir sprachen über unsere Burgruine Hardenstein und den Zwergenkönig Goldemar, der dort gelebt haben soll. Einer der Zuhörer wusste darüber sogar mehr als ich. Zum Schluss erzählte ich von der Schließung der Zeche Prosper Haniel. Immer wieder hat man hier und da ein Tränchen gesehen, aus denen in dem Moment teilweise kleine Bäche wurden. Zum Abschluss legte ich die CD mit dem „Steigerlied“ ein, das alle kannten und liebten und es wurde ganz begeistert laut gesungen.

Diese gemeinsamen Reisen zurück in unsere Kindheit haben immer allen Zuhörern viel Spaß gemacht, viele Dinge hatte ICH vergessen, SIE haben mich wieder daran erinnert.
Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Stunden erleben durfte.

Die vielen Jahre in Frankreich und auch die französische Staatsangehörigkeit, die ich durch die Heirat mit einem Franzosen erhalten habe, haben nichts an meinen Gefühlen geändert.
Ich bin ein Kind aus dem Pott!

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