Meine erste Beichte (Überarbeitung)
Von
tastifix
Dienstag 05.01.2021, 15:47
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tastifix
Dienstag 05.01.2021, 15:47
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Meine eher weniger frommen Eltern waren sehr darauf bedacht, vor den Leuten den Schein zu wahren und so marschierten wir jeden Sonntag zur Kirche.
Mit elf Jahren ereilte es mich, die Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion stand an. Andächtig lauschte ich den Ausführungen des Kaplans, wozu dessen schwarzes elegantes Outfit nicht unwesentlich beitrug. Ja, sein bodenlanges wehendes Gewand gewann mir großen Respekt ab. ´Vater unser` beherrschten wir Kinder bereits aus dem Effeff, was sich sehr bald als ausgesprochen wichtig bewies. Wir wurden nämlich aufgefordert, nach dunklen Stellen auf unserer Seele zu forschen. Prompt schrumpften wir auf Zwergengröße.
Bange schielte ich zu den Anderen:
´Geht denen jetzt auch die Buxe mit Grundeis?`
Nein, ich nahm keinesfalls an, dass es dann auch nur einer Einzigen zu Recht so ergehen würde. Denn wir waren ja alle Unschuldslämmer, obwohl … Na ja: Wenn der Priester dort vorn dagegen überzeugt war, dass unsere so unschuldigen Kinderseelen so unschuldig gar nicht waren, dann musste vielleicht etwas dran sein. Denn er war ja erwachsen und auch ziemlich klug.
Je länger ich nachgrübelte, umso heftiger klopfte mein Herz. Mich quälten Gewissensbisse und ich hatte keine Ahnung, weswegen eigentlich. Dazu gesellten sich noch weitere, weil ich eben nicht wusste, weshalb ich denn welche haben sollte. Ich forschte und forschte, aber mit dem Ergebnis, dass, falls überhaupt, es sich garantiert nur um Mikroflecken handeln konnte. So ganz beruhigte es mich denn doch noch nicht und ich wälzte mich, je näher der Tag der ersten Beichte rückte, nachts desto schlafloser im Bett. Weil der liebe Gott (bzw. eher sein Vertreter auf Erden und in unserem Falle der sonst so nette Kaplan) hartnäckig auf jene Tortur bestand, gab es auch kein Entrinnen.
Verzweifelt beriet ich mich mit Freundinnen, was wir machen sollten, damit wir danach dem Beichtstuhl blütenweißer Weste wieder entsteigen dürften. Sie waren genauso ratlos wie ich. Nach mehreren dringlichen Zusammenkünften entschieden wir uns in Sachen ´Sündenregister zusammenstellen` zur Gemeinschaftsarbeit. Es wurde weniger dramatisch als erwartet. Eine trug der Anderen Leid und so versicherten wir uns gegenseitig, dass bis dato noch jedes Kind jene Beichte lebend überstanden hätte.
Dann war es soweit und aller Mut dahin. Stattdessen eiferten wir darum, wer die größte Angst hatte und stellten fest: Wir hatten die alle gleich stark. Die Gehirnwindungen wackelten gefährlich, die Köpfe rauchten und wir hörten gegenseitig unsere Sünden-Vokabeln ab, ob wir auch genügend zusammen gefunden hatten. Dass wir dann vor dem Beichtstuhl eng zusammen rückten, rettete mich trotzdem nicht davor, allein hinein wanken und dort auf die Knie sinken zu müssen. Zitternd kauerte ich mich nieder, vor mir das Respekt abverlangende, die Übermacht des Priesters noch betonende Gitter.
„Der Herr sei mit Dir!“
„Und mit Deinem Geiste!“, hauchte ich und dachte dabei: ´Hoffentlich mit meinem jetzt auch!`
Es würde sich ja nun beweisen.
„Meine Tochter: Was hast Du gesündigt?“
Ich war perplex. Bislang hatte ich angenommen, mein Vater daheim wäre mein einziger Vater. Doch hatte ich wohl zwei davon, wobei dieser hier mir der weitaus strengere zu sein schien. Aber die erhofften töchterlichen Gefühle, die zu noch mehr Ehrlichkeit führen sollten, was eventuelles Fehlverhalten anging, stellten sich einfach nicht ein. Außerdem hinderte ich meine Stimme nur noch mit äußerster Anstrengung daran, nicht zu versagen. Sonst hätte ich ja später die Kommunion nicht empfangen dürfen, weil die blöden angeblichen anthrazit/schwarzen Flecken auf meiner Seele nicht in überirdisches Unschuldsweiß umgewandelt worden waren.
Zum Glück fiel mir dann noch gerade rechtzeitig ein, dass der Priester nun eine aussagekräftige Antwort von mir forderte. Wie gut nur, dass ich alles zuvor gepaukt hatte bis zum Umfallen und trotz brechender Stimme begann ich:
"I..Ich habe mich dreimal mit meinem Bruder ge..gezankt, i..ich hab zweimal ge..gelogen und m..m..meine Eltern gar ei..eineinhalb Male ge..geärgert ...“
Ich muss es sehr überzeugend gestottert haben, denn der nette Kaplan bewies sich daraufhin als ganz besonders nett. Er erteilte mir trotz der unmöglichen Schwere meiner Vergehen die Absolution, worauf ich, zwar klitschnass geschwitzt von der ausgestandenen Panik, wie auf Wolken schwebend nach hause trippelte.
Heute, über 58 Jahre später denke ich:
´Er hat sich bestimmt insgeheim köstlich amüsiert!`