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Mehr tot als lebendig!

Von tastifix Dienstag 24.11.2020, 12:09 – geändert Montag 08.12.2025, 06:29

Ich wollte Mut beweisen und ging tatsächlich zum Zahnarzt, obwohl mich gar keine Schmerzen plagten.
"Hoffentlich findet der nicht doch was!"
Bereits vor dem Betreten der Praxis war ich reif für die Dusche. Drinnen brachte ich mein Anliegen vor und blickte dabei der Helferin bemüht gelassen in die Augen. Sie sollte nicht merken, wie es mir wirklich zumute war.
"Aha! Würden Sie bitte noch einen Moment im Wartezimmer Platz nehmen? Wir rufen Sie dann gleich auf."
´Gleich` klang wie Musik in meinen Ohren. Es versprach mir nämlich eine wahrscheinliche Galgenfrist von bis zu eineinhalb Stunden.
"J..ja!"

Auf Wackelbeinen stakste ich gen Wartezimmer. Dort hockten zum Glück nur zwei bemitleidenswerte Gestalten. Eine ältere Frau hielt sich stöhnend die geschwollene Wange und darum absolut nichts von Smalltalk. Der junge Mann neben ihr wurde in den nächsten Minuten in meinen Augen zum Superhelden, denn er schilderte in fröhlichstem Tonfall die ihn erwartende Kieferoperation und ließ dabei auch kein noch so winziges Detail aus. Es suggerierte mir dessen sämtliche Beschwerden ein. Ich fühlte mich zunehmend elender.
„Soviel steht fest: Hier komme ich garantiert nur als Leiche wieder raus!“
Die Minuten dehnten sich zu Stunden und die halbe Stunde, die ich wirklich nur warten musste, erschien mir wie mindestens ein ganzer Monat. Längst saßen wir drei Zahnarztopfer schweigend einander gegenüber und harrten der Lautsprecherdurchsage, die uns in die Höhle des Schleifzangendoktors beordern würde. Nass geschwitzt bis auf die Haut, knetete ich die kalten Finger und betrieb krampfhaft Zehengymnastik, um den gleichfalls ch kühlschranktemperierten Füßen wieder Leben einzuhauchen. Denn ich brauchte sie dringend für den Marsch zum Folterstuhl.

„Frau S., bitte in den Behandlungsraum Eins!“
Mit puterrotem Gesicht vor Aufregung sowie in geduckter Haltung schlich ich zum Ort des Grauens am anderen Ende des schmalen Flures. An dessen rechter Wand lockten drei große Fenster. Offensichtlich kannte der Doktor aber seine Pappenheimer, denn die Fluchtluken waren fest verriegelt.
„Kein Wunder! Andernfalls würde der schon längst am Hungertuch nagen!“
Wieso setzte ich eigentlich so deprimiert Fuß vor Fuß? Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, denn als Privatpatientin erwarteten mich ein überaus herzliches Lächeln und ein extra fester Händedruck zur Begrüßung.
„Hallo, Frau S.! Womit kann ich Ihnen dienen?“
Der Gehirncomputer des Menschenfreundes vor mir war echt auf Draht.
´Das allein gibt schon 10 Euro!`
Gemessen daran, dass mich Dr. Reißraus empfing wie eine seiner engsten Freundinnen, fand ich es ausgesprochen blamabel für ihn, dass er dennoch auf die Karteikarte schielen musste, um herauszufinden, weshalb ich denn dermaßen bibberte. Seine Assistentin hatte ihn bestimmt vorgewarnt, mit welch einem Jammerlappen er es zu tun bekommen würde.
„Herr Doktor. Die fällt vielleicht sogar vor Schiss in Ohnmacht!“
„Es lohnt sich. Sie ist privat versichert! Wir lassen uns nichts anmerken!“, hatte er mit Verschwörermiene zurück geflüstert und hinzugesetzt:
„Ein bisschen Trost, dann wird’s ein leichtes Spiel ... “
Beide hatten sich wahrscheinlich höchst vergnügt die Hände gerieben.

„Ich möchte nur den Zahnstein entfernen lassen!“
Das ´möchte` war dick gelogen. Der Rest stimmte.
„Na, das ist ´ne Sache von zwei Minuten. Setzen Sie sich schon mal!“
Einladend deutete er auf eine auf einen Sockel montierte, lederne Luxusliege. Mit Schlachttiermiene legte ich mich hin und wartete auf mein letztes Stündlein. Dr. Reißraus wühlte in seinem Instrumentensammelsurium, fand leider sehr fix das passende Exemplar und trat an die Liege. In meiner Angst verglich ich im Stillen das blitzende Etwas in seiner Hand mit meiner Gartenharke. Gerade kniff ich, mich in mein unausweichliches Schicksal ergebend, die Augen fest zu, da machte es `rums!`.
„Huuch!“
Erschreckt riss ich sie wieder auf und kam mir ziemlich doof vor. Auf welchem Stern lebte ich eigentlich? Klar! Das Ding unter mir war ja höhenverstellbar.
´Raffiniert! Der sagt sich: Je höher die schwebt, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im letzten Moment noch davon düst!`

Leider traf dies eindeutig zu. Ich war gefangen, ausgeliefert ohne jegliche Fluchtchance. Völlig aufgelöst ob dieser Erkenntnis, krallte ich verzweifelt die Finger ins Leder.
„Sie werden nichts spüren!“
Mit der Miniharke in der Hand lächelte mich Dr. Reißraus aufmunternd an.
´Eigentlich ist er recht sympathisch. Vielleicht ist der ja doch kein Mörder!`
Es beruhigte mich immerhin insoweit, dass ich zumindest den Mund aufsperrte.
„Gaanz ruhig! Ich erkläre Ihnen genau, wie ich vorgehen werde. Zuerst ...“
Mit extra sanfter Stimme hielt er mir einen äußerst ausführlichen Vortrag darüber, was er zuerst, darauf und dann danach zu tun gedachte. Er hätte sich die Mühe sparen können. Ich stand kurz vor drohender Umnachtung und bekam sowieso nur noch wenige Wortfetzen wie aus weiter Ferne mit.
´Hör auf zu quasseln und mach schon!`, flehte ich insgeheim.

Endlich wurde er aktiv. Es ratschte ein wenig, erst oben, dann unten seitlich und schließlich vorne. Mehr passierte nicht.
´Tut wirklich nicht weh, hm!`
„So, Frau S., das war`s schon! - Der Zahnstein ist weg. Alles prima!“
Dr. Reißraus grinste ob meines kalkweißen Gesichtes, das aber bei diesen befreienden Worten schnell wieder an gesunder Farbe gewann.
„Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal beim Zahnarzt?“, fragte er amüsiert.
Mich beschlich das mehr als zutreffende Gefühl, dass er mich durchschaut hatte. Mir wurde es heiß. Mein neuerlich gesunder Teint wurde mehr als gesund und ich infolge rot wie eine überreife Tomate.
„Vor zehn Jahren so ungefähr!“, druckste ich herum.
„Wie bittee!??“
Dr. Reißraus lachte laut.
„Sie können von Glück sagen, dass Sie dermaßen gesunde Zähne haben. Aber trotzdem rat ich Ihnen, bis zum nächsten Mal nicht ganz soviel Zeit verstreichen zu lassen. Wie wäre es denn, wenn Sie schon in fünf Jahren wiederkommen würden ... ?“

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