Manchmal nachts ...
Von ehemaliges Mitglied Montag 23.07.2018, 06:26
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Manchmal nachts...
Für Werner K.
Es war gegen Abend, als wir Prag erreichten, und es war ein sehr warmer Tag Ende Mai. Anna schlief neben mir und ihr Gesicht war abgespannt und beinahe grau. Sie war in der letzten Zeit überreizt gewesen, Stress und so hatte sie gesagt, aber irgendwie war wohl auch zwischen uns nicht mehr alles so, wie es am Anfang gewesen war.
Auf die Stadt hatte sie sich gefreut, und ich wusste, sie würde enttäuscht sein, wenn ich sie nicht weckte, aber ich weckte sie nicht.
Anna erwachte schließlich. Ich dachte, sie würde über mich herfallen, aber sie sagte nichts.
Wir fuhren durch die wie ein Irrgarten anmutenden Straßen, es dauerte lange, ehe ich schließlich in einer etwas weitläufigeren Vorstadt oben in den Hügeln über Prag das Hotel erreichte.
Inzwischen waren die Straßenlampen aufgeflammt, obwohl es hier draußen noch ein heller Abend war mit Anzeichen von Abendrot über den Dächern nach Westen zu.
Anna schüttelte den Sommerstaub von der Fahrt durch die Getreidefelder aus ihren Sachen, kämmte sich ihr langes Haar und lachte ihr Spiegelbild an.
„Ich liebe dich,“ sagte Anna. Und ich wusste, sie würde mich nun in diese schrecklich alte Stadt hinunterzerren und keine Ruhe geben, ehe ich nicht lauthals beteuerte, dass ich alles ausgesprochen wundervoll fände.
Und dann sahen wir Prag. Die Karlsbrücke. Rote Dämmerung an einem warmen Maiabend und die sanfte stille Kühle vom Fluss, das Dunklerwerden und Dunklerwerden...
Anna schmiegte sich an mich und sagte:
„Ich liebe dich.“
Und beinahe hätte ich es auch gesagt.
An den nächsten Tagen durchstreiften wir die Stadt nach allen Richtungen, Anna bekam einfach nicht genug. Die Sonne und die Hitze setzten uns zu, die Beine schwollen uns an und nachts lagen wir traumlos und tot aneinander und nur manchmal erwachte ich und sah über mir an der Zimmerdecke das verwirrende Schattengerank großer Baumkronen. Es waren die Kastanien vor unserem Fenster, in die das samtige, stille Licht der Straßenlampen fiel.
Anna schlief schon, als wir die Ausfallstraße aus der Stadt hinausfuhren.
Sie schlief erschöpft, aber ihr Gesicht war nicht mehr so grau wie vor vier Tagen, es war braun gebrannt und glatt. Manchmal hatte Anna raue Flecke im Gesicht und an den Armen, jetzt war sie glatt und sie glaubte, dass es das weiche Wasser von Prag gewesen war, das ihr gut getan hatte.
Aber es war nicht nur das Wasser, ich wusste es. Ich hatte sie gesehen auf der Karlsbrücke in diesem merkwürdigen Abendlicht. Wie sie die alten Steine berührte und ins Wasser blickte und zu den Palästen am Ufer und den alten Mauern auf der Kleinseite, die schwarz vor dem roten schimmernden Himmel lagen. Und es war nicht nur die Kühle des Flusses, die angenehm war und das Atmen leichter machte als in der Hitze des vergangenen Tages. Es war nicht nur diese eigenartige Kühle, die in sanften Wellen aus der Tiefe heraufzog, über die Brücke wehte und sich irgendwo jenseits zwischen den engen Gassen verlor, es war ein seltsames Gefühl von Vergangenem, von einer langen und weiten Geschichte, vom Atem der unendlichen Zeit, die über alles dahingegangen war und ihre rätselhaften Spuren hinterlassen hatte.
Ich hatte Anna angesehen in diesem Licht und ich wusste, was mit ihr geschehen war.
Ehe wir ins Gebirge hinauf kamen hielt ich am Straßenrand und nahm mir eine Zigarette.
Anna schlief noch immer.
Und da plötzlich hätte ich gewollt, dass sie wach war. Ich zog sehr hastig an der Zigarette, um mich zu beruhigen. Schließlich stieg ich aus und rannte in eine Wiese hinein und es war wie ein Krampf, der mich schüttelte. Es fiel alles über mich her. Der Platz mit dem Husdenkmal, die dunklen Häuser, der kühle, uralte Stein der Gebäude, die Türme, schwarz vor dem roten Himmel, die gedrängte Linie einer ineinander und aufeinander gebauten Stadt mit Fluss und Erde und Himmel und den Jahrtausenden, und Annas Hände, ihr Gesicht, ihre Stimme, ein bisschen heiser und dunkel, und ich schrie in das trockene und scharfe Gras, und dann kam ich zu mir, setzte mich auf, und ich sah Anna am Straßenrand neben dem Auto stehen, und sie blickte mich an.
Sie sagte aber nichts.
Manchmal nachts strecke ich die Hand aus...